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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1922-09-01 · Heft 9 (September 1922) · p. Seite 66

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1922
Issue
Heft 9 (September 1922)
Date
1922-09-01
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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ft* — gönnen ist — denn inan sagt se^ne Lektion für sich allein eben schneller — und HSrt man dabei Diskussionen über die Frage, ob denn gerade bei diesem Geschäft ein fünfzigprozentiger Verdienst Wucher sei — oder findet einer am Versöhnungstage Predigt und Seelenfeier „wirklich erhebend", und man möchte gerade diesem zurufen: Mensch, weißt du, was erhebend wäre, — wenn du hinausgingst und von deinem Ueberflnß jenen gäbest, die kaum imstande sind, sich einen Platz zu kaufen, die aber vielleicht Gott näher stehen als du in der ersten Reihe — sieht und hört man das alles und vieles, vieles mehr, gleichgültig, ob in Synagogen mit oder ohne Orgel, so ist das doch ein klarer Beweis für die Tatsache, daß der ganze heutige Kultus Gewohnheitsphrase ist und jede Wirkung nach innen verloren hat. wie bezeichnend für die Veräußerlichung der Anschauungen ist es, daß heutzutage der offizielle Trennungsstrich zwischen „Orthodoxie" und „Liberalismus" tatsächlich nur im Kultus, nämlich in der Ablehnung oder Annahme der Orgel, liegt. was auch heute noch ein Stück Gottesdienst sein könnte, die predigt — wie sieht es damit im allgemeinen aus? — Diese Männer haben sich sicherlich, von Begeisterung und innerer Wahrhaftigkeit getragen, zu ihrer Tätigkeit berufen gefühlt. Man kann unter ihnen vielleicht drei Gruppen unterscheiden. Die einen erkennen ihre Aufgabe nicht, die darin liegt, den andern Menschen von ihrem Geist zu geben — sie spinnen sich in ihre Wissenschaft ein und vermögen nicht Religion ins Leben hinernzutragen. Andere sind allmählich, unbewußt und ungewollt, müde geworden in der Erkenntnis, einen Fortschritt der Menschen durch ihr wirken nicht erreicht zu haben — sie werden weder Geistesnoch Gefühlswerte weckende Reden halten, denen man anhört, daß die Begeisterung, das Feuer, erloschen ist. Die dritte Gruppe — last not least — sind diejenigen, die wissen, daß Religion nicht Lehre allein, sondern Leben ist, die es verstehen, Religion lebendig zu gestalten, die von Gottes wallen in der Natur, in der menschlichen Arbeit und Schaffenskraft, im ganzen Geistes- und Gefühlsleben der Menschen, von ihren sozialen Aufgaben und Pflichten gegeneinander, sprechen können, ohne das Wort Gott auch nur zu erwähnen. Diese Letzten sind qualitativ die Seltensten und Besten, werden also naturgemäß die wenigsten Anhänger haben. Ihre Reden werden für „tendenziös", „nicht in den Rahmen paffend" oder gar „würdelos" erklärt, jedenfalls aber nicht fiir eine vollgültige „Predigt" gehalten. Die meisten Hörer wollen eben, wie beim Beten, so auch bei der Predigt, den „weihenymbus". In der Synagoge wollen sie von der Schrift hören, wenn sie auch nichts davon verstehen und sich nie bemühen werden, es zu lernen. „Religion" ist eben nur Sache des „Bethauses", und was von dieser Religionsauffassung, die keine ist, abweicht, gehört nicht hinein. Die Frage der Erneuerung des Kultus ist zur Zeit, besonders unter den Theologen, sehr aktuell geworden. Man ist z. B. eiftig bemüht, ein „liberales Einheitsgebetbuch" zu schaffen. Herr Rabbiner Dr. Seligmann sagt in seiner Abhandlung im „Liberalen Iudentum" vom $. August, der auch die oben erwähnten Sätze von Geiger und Lohen entnommen sind, u. a.: „Dürfen wir Rabbiner dem verlangen, das heute in nicht vermindertem Maße aus liberalen Kreisen an uns herantrilt (nämlich nach einem Gottesdienst, in dem auch die Muttersprache erklingt), ein auf dogmatischen oder nationalen oder mystischen Gründen beruhendes Veto entgegensetzen?" —Nein, keineswegs. Aber hat denn der Begriff „wir liberalen Rabbiner überhaupt noch einen Sinn? Es gibt soviele Arten des Liberalismus, wie es liberale Rabbiner gibt, und der heutige „Liberalismus", wie er sich gerade in der Gesamtheit seiner theologischen Vertreter darstellt, reicht, nicht nur in Kultusftagen, von der starren Orthodoxie bis zum ausgesprochenen Zionismus. (Letzterer ist hier weniger in nationaler, als in kultureller Hinsicht aufzufaffen.) In diesem Sinne, aber nur in diesem, hat Herr Dr. Salzberger allerdings Recht, wenn er im Subjektivismus ein zersetzendes Element des Liberalismus erblickt. Auch Herr Rabbiner Dr. Scllzberger ist ja liberal — wer findet endlich ein neuer Wort —, obwohl jeder Orthodoxe feine Grundsätze für den Kultus zum größten Teil unterschreiben könnte. Er sagt in seinem Referat vom 4. Januar d.). („Liberales Judentum» vom 7. Juli): „Der jüdische Gottesdienst ist so umfassend wie das jüdische Gottenaus. Dieses aber ist ein Lehrhaus, eine „Schul'", 2. ein Versammlungshaus, eine Synagoge, und schließlich (!) 5. ein Gebetshaus." Diese Art der Auffassung des Gotteshauses wird noch deutlicher, wenn man liest, was er u. a. zu den einzelnen Punkten sagt. Zu „Verlesung eines Thoraabschnittes, eines Prophetenabschnittes", sogar Wiederholung in deuffcher Ueberfttzung, —- aber nun: „ . . . . und bisweilen ein« Schrifterkläruug oder predigt". Nun, in dem „Bisweilen" entspricht ja die Praxis ganz seinem Wunsche. Zu 2. „Jedes Ich des stark individuälistisch veranlagten Juden geht hier ein und ans in das wir. Reich und Arm, Priester und Laien, Männer und Frauen sind in gleichem Maße beteiligt..Unser liberaler Gottesdienst hebt ehemalige Priestervorrechte auf, beseittgt Gitter, hinter denen die in ihrem Rechte verkühlen Frauen zur Privatandacht und -Unterhaltung verurteilt waren, und weist auch den Frauen ihren Platz im Haupttanm der Synagoge an." In wie gleichem Maße Reich und Arm am Gottesdienst beteiligt sind, lehrt ein Blick auf die Preisskala und die Anordnung der Plätze sowie di« vetteüung der Auftufe zur Thora und anderer Ehrendienste, von der je nach Besitz grundverschiedenen Art der Trauungen, Beerdigungen usw. ganz zu schweigen, wie das unterschiedslos« wir bei Priestern und Laien gedacht ist, bleibt mir unverständlich. Die Frauen aber sind nach wie vor, ttotz Beseittgnng der Frauenschul' und derGitter, „zur Privatandacht und -Unterhaltung verurteilt", denn erstens sitzen sie auch heute isoliert auf hohem Balkon« und sind aktiv unbeteiligt, zweitens muß die Art und Ausdehnung des Synagogengottesdienstes notgedrungen und naturgemäß bei Männern, geschweige denn bei Frauen, von der wirklichen Andacht über die „privatandacht" zur „privatunterhaltung" führen. Zu Punkt 5 sagt Herr Dr. S. u. a.: „Man wende nicht ein, daß wir die hebräische Sprache nicht mehr beherrschen. Dann müssen wir sie eben erlernen. Und wenn wir sie nicht mehr erlernen, dann werden es unsere Kinder tun." —_ Die freie Rede braucht nur Verstandesprodukt zu sein, die echte Dichtung ist Ausdruck von Verstandes- und Gefühlswerten, das wahrhafte Gebet entquillt der Seele und dem Herzen, wie schon echte Dichtung in keiner anderen als der Muttersprache entstehen kann, weil in einer künstlich erlernten Sprache bestenfalls Gedanken, niemals aber Gefühle offenbatt werden können, so kann das aus dem Herzen kommende Gebet niemals in einer anderen als der naturgegebenen Sprache der Mutter seinen wahren Ausdruck finden, mag die erlernte Sprache uns auch durch noch so statte und große historische Erinnerungen verbunden sein. —Das ist keineswegs Rattonalismus, das ist nichts als die natürliche Erfassung dieser Frage. Alle drei Forderungen haben eines gemeinsam, nämlich daß in ihnen nichts Neues oder Erneuerndes verlangt wird, sondern die Dinge, wie sie in der Praxis sind, im wesentlichen als gut anettannt werden, daß nur hie und da eine gewisse Festigung bzw. Rückwättsorientierung gefordert wird. Ls bleibt daher unverständlich, wie am Schluffe des Referats gesagt werden kann: „Es gilt in der Tat nicht Neuerungen, sondern eine Erneuerung unserer Religion." Nein, es gilt weder Neuerungen, noch Erneuerung, es gilt Neugestaltung der Religion. And kein orthodox-liberal-zionistischer Rabbiner kann zur Neugestaltung beittagen, selbst wenn er einsieht, daß „der Gottesdienst nur ein Teil unseres religiösen Lebens ist, und darum an seiner Zukunst allein noch nicht die Zukunst unserer Religion hängt; daß er aber doch wohl das Allerheiligste in dem großen Heillgtum ist, das uns Juden alle umschließt". wir jungliberalen Menschen wollen den wahren Inhalt der Religion finden, wtt glauben nicht, daß das Juden-

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