Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 9 (September 1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- Seite 65 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— a» — seine Wesenhaftigkeit, ist Richtlinie und Maßstab für alles Tun und Lassen der Menschen. Dieses überzeugte und unbedingte Abhängigkeitsbewußtsein, dieser felsenfeste Glaube an den geoffenbarten, wesenhaften Gott und Richter — durch alle Zeiten hindurch, neben und ttotz völliger Anpassungsfähigkeit an das Entwicklungsgesetz auf allen sonstigen Gebieten des Geistes- und Gefühlslebens"— das ist eine Erscheinung von so gewaltiger, überragender Größe, daß man zu ihren Bekennern nur mit tiefer Ehrfurcht auffchauen kann — wenn anders man nicht an deren innerer Wahrhaftigkeit zweifeln muß. Diese reine Orthodoxie will das ganze Leben auf den Dienst an ihrem Gott einstellen, indem sie allem Tun und Lassen die Frage zugrunde legt: welches Urteil wird jener Richter fällen? In dieser Unbedingtheit liegt ihre Größe. Und wer aus innerer Wahrhaftigkeit sich zu dieser Weltanschauung zu bekennen vermag, ist ein Mensch, vor dem man sich in tiefer Ehrfurcht beugen muß. was ist reiner Liberalismus? wenn für den überzeugten Orthodoxen der Gottesbegriff als vorhanden gilt, so wird der überzeugte Liberale ihn erstreben. Dort ist Gott Wesen, hier Idee, dort gilt es, in seinen wegen zu wandeln, ihm nachzuteben, hier, ihn zu suchen und um ihn zu ringen. Den Bekennern beider Anschauungen aber, sofern sie von innerer Wahrhaftigkeit getragen sind, ist ihre Auffassung vom Gottesgedanken das Ideal, in dessen Dienst sie ihr ganzes Leben stellen. Beiden ist Gott Erlebnis, und beide „werden außerstande sein, je von Gott zu lassen". Reine Orthodoxie und reiner Liberalismus — diese beiden Weltanschauungen, und nur diese beiden, — jene in ihrer schlichten, aber wunderbaren Größe, diese in ihrer idealen Vollkommenheit — sind di e Pfeiler des Judentums, und beide leuchten in gleicher Größe und Erhabenheit. Nun ergibt sich die Frage, in welchem Maße diese beiden Weltanschauungen die Kraft besessen haben und besitzen, auf die Menschen einzuwirken. Denn die erhabensten und größten Gedanken werden „graue Theorie", wenn sie es nicht oder nicht mehr vermögen, Eingang in die herzen der Menschen zu finden. Der Glaube an eine „Vergöttlichung" des Menschen im Sinne einer Lostrennung von seiner „Erdgebundenheit" ist erstens „ein Traum, und noch nicht einmal ein schöner", und zweitens, vielleicht gerade deshalb, ganz und gar nicht dem Geiste des Judentums entsprechend. Das Leben des Menschen ist in das Gesamtgebilde der Natur eingefügt, er kann und soll es niemals von ihr losreißen —aber er kann und soll bewußt und ständig an seiner eigenen geistigen und sittlichen Vertiefung und Veredelung arbetten. In diesem Sinne ist sein Leben Dienst an Gott. Ein Stück dieses Gottesdienstes ist die Art, wie wir unserem religiösen Empfinden unmittelbaren Ausdruck verleihen, —ist das, was wir „Kultus" nennen. Beruht unser „Kultus" noch aus innerer Wahrhaftigkeit, ist er also in Wahrheit noch.ein Stück von jenem Dienst an Gott? — Nein, und abermals nein! Das Streben und der Wille zu innerer Wahrhaftigkeit ist, wie oft im gesamten - Leben — es gibt nicht religiöses und profanes Leben, es gibt nur das Leben als Einheit — so auch beim Kultus, völlig verloren gegangen. An die Stelle der inneren Wahrhaftigkeit traten dort Pietät, hier Reform, zwei Begriffe, die nichts halbes und nichts Ganzes sind, die jene verwaschene Orthodoxie und jenen verwaschenen Liberalismus erzeugt haben, die wir heute im allgenreinen vorfinden, — zwei Richtungen, die nicht mehr um jener reinen Ideale willen nebeneinander stehen,, sondern die iir ihrer heutigerr Gestalt nur durch die Verschiedenheit der Formen vorreinander getrennt sind, aus diese Formen aber ihr ganzes Sein gründen müssen, weil die Ideale, deren Größe beide letzten Endes verbindet, gesunken sind. So rnnßten naturgemäß auch^die Formen sinken. Sie sind nicht inehr wahrer Ausdruck des religiösen Empfindens, sondern Selbstzweck gewordene Phrasen, Gewohnhettsübungen, denen jede Voraussetzung daftir fehlt, ein Teil von jenem Dienst an Gott, ein Stück Leben zu sein. Und das ist Selbstbetrug. Seit Abschaffung des Opfers steht der Kultus im Zeichen des Gebets. Ls hatte zunächst wohl den gleichen Zweck wie das Opfer, es war Dank-, Sühne- oder Bittgebet. Aber es verdrängte das Soffer, weil es höherer sittlicher Erkenntnis entsprach, weil es aus dem Kerzen kam, eine innige Verbindung mit Gott herzustellen vermochte, weil im Gebet alle Wünsche, Hoffnungen und Leiden vor Gott getragen werden konnten, und weil er es vernahm, überall, an jedem Orte und zu jeder Zeit. So war das Gebet jener reinen Orthodoxie, und so ist es geblieben. Ls war das Mittel, das Kraft und verttauen zum Leben gab, und vollen inneren Ausgleich und Harmonie zu schaffen vermochte. Der reine Liberalismus fordert, daß der Einzel,re sich selbst zur Erkenntnis Gottes hindurchringt, daß er Gott sucht. Ueberall im Leben mit all seinen Kämpfen und Problemen. Der liberale Mensch trägt sein Gottesideal in sich; sein Gebet ist mehr als. Reue, Bitte oder Dank, es ist ihn, die Ouelle der Willenskraft, mit deren Hilfe er nicht müde wird, jenes in ihm ruhende Ideal zu erstreben. Beiden Anschauungen gemeinsam aber ist die Ablehnung einer „doppelten Moral", beide fordern die Einheit des Lebens im Dienste cur Gott. Ihr Gebet ist mehr als gesprochene Worte, es brauchen nicht einmal Worte zu sein. Ls können Gedanken, Gefühle, Entschlüsse und Taten sein, wenn immer sie nur aus dem willen zum Guten geboren sind und der Erfüllung des Ideals näher kommen. Linen auf innerer Wahrhaftigkeit beruhender: Kultus auszubauen, dazu sind nur jene beiden Anschauurrgen in ihrer Reinheit fähig, weil aber diese innere Reinheit und Geschlossenheit fehlt, entbehrt der heuttze Kultus auf beiden Seiten völlig des inneren Gehalts. was tut die sogenannte Orthodoxie, der wir begegnen, und was hat sie für einen Kultus? — Für sie wohnt Gott rtur in seinem Hause, hat man ihm etwas zu sagen, ihn zu bitten, ihm zu danken, so geht man zur bestimmten Sprechstunde, d. h. zu den festgesetzten Tagen und Stunden, in sein Haus, „betet" nach dem festgelegten Programm, und geht wieder hinaus. Aber auch das ist zu viel gesagt! was betet mar: denn meist? — Das, was man ersehnt, wünscht und hofft? —Ueberkommene Dinge, nicht im Mutterlaut, sondern in fremder, großenteils unverständlicher Sprache, die nie zv Herzen gehen kann, weil sie nicht aus dem herzerr konrmt. „Die Sprache des Gebetes," sagt Hermann Lohen, „ist die Sprache des Herzens. Die Sprache des Herzens aber ist die Muttersprache." Und Abraham Geiger bemerkt bereitst „Das hebräische lebt auch jetzt nicht mehr im Volke, und die Sprache der Gebete ist auch durchaus nicht mehr die Sprache der heiligen Schrift. Ueberdies kann man leicht die Erfahrung machen, daß selbst das Vorlesen aus der Thora den größten Teil der Gemeinde ermüdet." Diese Orthodoxie hat nichts mit jener reinen Weltanschauung gemeinsam. Sie beschräntt ihren Gott auf das Bethaus, ihr Leitsatz ist: hie Gott, hie Welt. Und so ist ihr Leben nicht inehr in jenem Sinne Dienst an Gott, und ihr Kultus ist nicht inehr ein organisch verbundener Teil dieses Lebens, sondern leere Form. Sie zehrt von Vergangenem, klammert sich ängstlich an Tradition und Pietät, und findet doch nicht wieder, was sie verloren hat. Und was tut der sogenannte Liberalismus, dein wir begegiren? — Im Grunde das Gleiche. Mit allen Reformen und Reförmchen, mit allen Streichungen und Lrgänzrnrgen, mit den schönsten Liturgien und musikalischen Darbietungen, fristet auch er sein Leben nur auf Kosten der Vergangenheit. Er ist einem Hanse im Osten der Stadt zu vergleichen, dessen Fassade neu angestrichen und geschmückt wird, dessen wohnränme deshalb aber doch finster und ohne Sonne bleiben. hier wie dort fehlt die Kraft der Neugestaltung. Sieht man am Freitagabend die Synagogenbesucher schon in Scharen Hinausströmen, wenn kaum das Schlußgebet be- \