Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 9 (September 1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 64 für das liberale Judentum" zu der Bestimmung der Menschheit bekannt, dem messianischen Friedensideale durch wach» heit, Gerechtigkeit und Liebe immer näher zu kommen. Und immer wieder haben Sie betont, daß der Zionismus der messianischen Idee den schwersten Abbruch bereite. Venn indem der neujüdische Nationalismus die Bekenner der jüdischen Religion wieder in die engen Grenzen.eines, wenn auch vielleicht theokratischen Staates einzuspannen versuche, leugne er die internationale Wirksamkeit des Judentums und seine weltgeschichliche Mission. Mache aus den Trägern und Kündern der Religion der Propheten Grenzsteinfuchser, aus Geisteskämxfern Feldherrn und Soldaten. Raube der Welt das glänzende Beispiel, „wie ein stolzes Volk, getragen vom Glauben an seine Mission und seine Ideale, sich dauernd behaupten und durchsetzen kann, ohne an die Macht des Schwertes zu appellieren." Und sei damit auch hier als Anachronismus und Treppenwitz der Weltgeschichte erwiesen. Dem gegenüber möchte ich Ihnen aber einmal die ernste Frage vorlegen: was haben Sie, meine Herren, einzeln oder als Gesamtheit, getan, um die Idee, die unser köstlichstes Gut für die Menschheit bedeutet, ihrer Vollendung entgegenz »führen, um ihr den weg in die Wirklichkeit, in tätiges Gemeinschaftsleben zu bahnen? was, während die Hölle ihr Spiel auf die Erde verlegte, i>ie Menschheit Wahnesgrausen schüttelte, von Kanzelrednern aus Ihren Reihen ain Geiste der Propheten gesündigt worden ist, darf heute nicht mehr aufgerührt werden. (Schuldfragen haben nur historische Bedeutung; das Judentum aber ist die Religion der Zukunft.) Das jedoch ist grausame Tragik, daß, auch bis heut, in den Reihen der jüdischen Geistlichkeit noch kein Mann aufgestanden ist, der —> gleich dem tapferen Pfarrer lic. Dr. Auer — den Mut gefunden hätte, die Nützlichkeitsgrundsätze beiseite zu stoßen, um der geknechteten Wahrheit willen. Gewiß, auch in der evangelischen, weniger in der katholischen Kirche haben gepredigt und predigen kriegerische Nazarener die Religion aus Kanonenschlünden. Aber hier hat doch wenigstens die verletzte Ordnung eine Gegenaktion ins Leben gerufen. Schon im Jahre J9J.5 haben von 4000 evangelischen Pastoren in Deutschland 400 einen Friedensappell unterzeichnet. Inzwischen sind, während und nach dem Kriege, der „katholische Weitfriedensbund", ein „Friedensbund deutscher Katholiken" und die „Kommission für christliches Völkerrecht" ins Leben gerufen worden. Auf evangelischer Seite haben sich der „Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen" und der „Bund religiöser Sozialisten" ähnliche Ziele gesteckt. Und doch steht nur ein jüdischer Theologe, der Gberkirchenrat Dr. Kroner in Stuttgart, kämpfend und werbend ln der Friedensbewegung. Sagen Sie nicht, meine Herren: Wir dürfen dem Anti- <mitismus keine Nährstoffe zuführen. Denn wie Sie auch Ihr Verhalten einrichten, wie sehr Sie auch Zurückhaltung üben mögen: die Iudenhasser werden immer den Hamawstein finden, den Sie Ihnen entgegenfchleudern können. Sagen Sie nicht: Es müsse verhindert werden, daß die Religion in den Streit der Parteien gezogen, daß sie aus das Forum der Politik geschleift werde, wo der Schwarm der grünen Giftfliegen schwirre. Denn die Frage nach der Stellung der kriegerischen Auseinandersetzung in der göttlichen Weltordnung wird in hervorragendem Maße durch ethische Kriterien bestimmt. In ethischen Problemen aber darf es keine Halbheit geben; die Stellungnahme zu den Ewigkeitsfragen muß in jedem Zeitpunkt der Entwicklung klar ersichtlich sein! Und daß es eine Hauptaufgabe der Juden als Vertreter einer Religion, die der Welt die zehn Gebote geschenkt hat, ist, dahinzuwirken, daßauchdas Völkerleben nach ethischen Gesetzen geregelt wird, darin dürften Sie mit mir einig gehen. Und darum sagen Sie auch nicht: Die würde Ihres Standes verbiete es, an der Friedensbewegung tätigen Anteil zu nehmen, die, wie jede menschliche Vereinigung, vor Organisationsstreitigkeiten nicht verschont bleiben könne. Das Beispiel Ihrer christlichen Kollegen beweist das Gegenteil. ldtb glaube« Sie wirklich, daß es der würde der jüdische» Religio« und damit dem Ansehen ihrer religiösen Vertreter förderlich fei, wenn in pazifistische« Broschüren und Verhandlungen immer wieder behauptet wird, das Judentum verherrliche den Krieg und sei daher eine Religion der Rache, wenn man dabei, wie es geschehen ist, auf das Fehlen der jüdischen Geistlichkeit in der Friedensbewegung hinweist, und wenn k e i n e r der berufenen Ve» treter der jüdischen Religion diese Vorwürfe zu entkräfte« bereit ist? 1 Meine Herren! Ich hahe alle diese Bedenken bereits in einem Memorandum vom 22. November und r. Dezember 1919 dem „Liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin" übermittelt. Mir wurde der Rat zuteil, mich cm Ihre Berussvereinigungen zu wenden. Ich habe damals den Weg der persönlichen Propaganda vorgezogen und von einer kleinen Anzahl von Rabbinern aus allen Lagern die Zusage erhalten, daß sie sich für die Ziele der Kriegsgegner einsetzen würden. Meine danraligen Hoffnungen sind leider enttäuscht worden. Und so hat mir die Sorge um das Ansehen der jüdischen Religion die Feder in die Hand gezwungen, um zum letzten Mal an Sie die Bitte zu richten, daß Sie, die Mitglieder der Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands, an den Notwendigkeiten der Stunde nicht achtlos vorübergehen, daß Sie sich nicht selbst bei der ethischen Neuordnung der Welt ausschließen, daß Sie diese nicht areligiösen Mächten allein überlassen, sondern mit Ihrer ganzen Persönlichkeit und mit größten Opfern dafür eintreten möchten, daß endlich der Geist gegenseitigen Verstehens die Nebel internationalen Haffes zerteile, die sonst die Vorboten des Luftabschneideerstickungskrieges der Zukunft sind. Den wird weder die Kultur noch die Religion überdauern. Denn die Massen haben ein seines Gefühl dafür, ob die Vertreter der Religion diese nur im Munde führen oder ob sie ihre Pflicht tun. Dieses Thema hat noch nie Ihre Beratungen beschäftigt. Genehmigen Sie deir Ausdruck der ausgezeichnetsten Werschätzung Ihres ergebenen Botho Laser st ein. Gottesgeöanke und Gottesdienst. Von Joseph Weinsaft-Berlin. II. Der Gottesdienst. Die zwei Auffassungen vom Gottesgedanken: Gott als wesen —. Gott als Idee — sind die grundlegenden Stützen für die beiden religiösen Richtungen im Judentum: Orthodoxie und Liberalismus. Sie feien zunächst theoretisch betrachtet. Die Orthodoxie stellt sich uns als eine Weltanschauung dar, die den Gottesgedanken aus dem für alle sonstigen Ideen, Erscheinungen und Dinge geltenden Gesetz der Entwicklung heraushebt und an dem überlieferten Gottesbegriff als eisernem Bestand und gegebener Tatsache festhält. Der geoffenbarte, wesenhafte Gott, der über den Menschen thronende, auf Grund von Gerechtigkeit und Liebe urteilende Richter, muß vorhanden sein, er kann nicht dem Entwicklungsgesetz unterliegen, seine Gesetze haben unbedingte Gültigkeit — denn er hat sich ja selber am Sinai offenbart. Er steht über den Menschen und allem Sein, seine Gesetze hat er selbst dem Mose verkündet, und nur er selbst kann und wird wissen, warum er sie gegeben hat. Seine Wege und Urteile sind von Mensche,! nicht ergründbar, diese können nur versuchen, den göttlichen Gesetzen gemäß ihr Leben zu gestalten, bestrebt sein, das Gute zu tun und das Böse zu meiden, können Gottes Segen erbitten, ihm für empfangene Wohltaten danken. Doch alles Schicksal liegt in seiner Hand, niemand kann sich ihm entziehen, er bucht die guten und die schlechten Taten, und das Vorhandensein Gottes,