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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1922-09-01 · Heft 9 (September 1922) · p. Seite 63

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1922
Issue
Heft 9 (September 1922)
Date
1922-09-01
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
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vorn Sklavenjoch, am Fuße der Sinai stehen. Und nun geschieht das Große, das Gewaltige: sie empfangen die Offenbarunz in Gestatt der zehn Gebote. In tiefer Ergriffenheit erleben sie die heilige Stunde, deren Bedeutung sie klar erkennen, von dieser Stunde an, das wissen sie, sind sie mit dem Göttlichen verbunden für ewige Zetten. Auch unser Schlußfest gilt der Freude über die heilige Lehrei Nur ist es hier nicht die Stunde der sinattischen Offenbarung, an die wir erinnert werden, wenn wir am Simchas- Lhaurvh-Tage Moses Abschied von seinem Volke lesen, seinen letzten Segen, den er über die Volksstämme austzrricht, und seinen Tod auf dem Berge Nebo, dann tritt uns die Gepalt unsere» unsterblichen Lehrers vor Augen; und wir erinnern uns der schweren Pflicht, die er »ns auferlegt, der schwierigen Aufgabe, die er uns zuerteitt hat, das Volk Gottes zu fein. wenn aber einem Volk eine so schwierige Aufgabe gestellt wird, hat es da Ursache, sich so innig darüber zu freuen? In der Tat sprechen unsere alten Weisen ganz offen von min von dem Joch der Thora, von N1XV bft, von dem Joch der Gebote, von D'öt? rYObö von dem Joch de» Himmelreiches. Die Aufgabe, die uns geworden, ist auf das engste verknüpft mit einer Beschränkung unserer Freiheit, wir sollen uns unter ein Joch beugen, sollen uns dem göttlichen willen untewrdnen zu jeder Zeit und jeder Stunde, sollen Freihett besitzen und doch keinen uneingeschränkten Gebrauch von ihr machen. Das ist entschieden eine Forderung, die sich nicht leicht erfüllen läßt. Nun aber kommt das gauz Einzigartige der jüdischen Lebensauffassung: wenn wir sonst das Wort „Joch" gebrauchen, dann sprechen wir von jemandem, der uns knechtet und bedrückt, der «ns seine Macht fühlen lassen und uns beherrschen will, wenn wir sagen: „Andere legen uns ein Joch auf', so ist es ganz selbstverständlich, daß wir von Feinden reden. Das Auserlegen des Joches gllt uns als Zeichen ihres Hasses, ihrer Feindseligkeit. wenn aber in unserm jüdischen Schrifttum geredet wird vom Joch der Lehre, vom Joch der Gebote, vom Joch des Himmelreiches, da gilt «ns die Auferlegung dieses Joches cüs das untrügliche Zeichen unendlicher göttlicher Liebe. Und das ist die Ursache unserer Freude an der Lehre. Dieser Gedanke nun, daß die Unterordnung unter das „Joch des Himmelreiches", daß die Bindung an die heilige Lehre mit"ihren Geboten nichts anderes in unseren Augen ist als ein Zeichen der göttlichen Liebe, ist niemals auf die Kreise der jüdischen Gelehrten beschränkt geblieben. Dieser Gedanke — das ist ganz besonders erfreulich — drang vielmehr in all« Kreise des Volkes und hat seinen Niederschlag gefunden in unfern Gebeten und zwar an sehr wichtigen Stellen. Abends und morgens, unmittelbar vor dem Bekenntnis des Schöma Iisroül, sprechen wir es im Gebet aus, daß wir in der Bindung an die Gotteslehre ein sichtbares Zeichen erblicken der göttlichen Liebe und Gnade. Im Abendgebet sprechen wir: „Mit ewiger Liebe liebst du das Haus Israel, dein Volk; Lehre und Gebote, Satzungen und Vorschriften hast du uns gegeben. Darum, Ewiger, unser Gott, denken wir, wenn wir uns niederlegen und wenn wir uns erheben, über deine Satzungen nach, wir freuen uns über die Worte deiner Lehre und über deine Gebote für immer und ewig; denn sie find unser Leben und die Dauer unserer Tage, und über sie sinnen wir bei Tag und bei Nacht. So mögest du uns denn deine Liebe in alle Ewigkeit nicht entziehen." So denkt der Jude über die scheinbare Beschränkung seiner Freihett: Gott hat die Beschränkung ihm anferlezt als deuttiches Zeichen seiner Liebe. Darum fteut sich der Jude des ihm auferlegten Joches; nie will er dieses Joch abschütteln, nein, tragen will er sein Joch mtt Freude und Umgebung in alle Ewigkett. Dann weiß er sich sicher der göttlichen Liebe und Gnade. Noch wunderbarer aber und inniger wird dem gleichen Gedanken Ausdruck verliehen im Morgengebet, gleichfalls unmittelbar vor dem Schöma Iisroöl: „Mit großer Liebe siebst du uns, Ewiger, unser Gott; mit großer, besonderer Barmherzigkeit erbarmst du dich unser." Und nun heißt er wetter — und ein bedeutender jüdischer Gelehtter der Neuzeit, dererst vor etwa zwanzig Jahren von uns gegangen ist, a j i m Steinthal, hat einmal auf die unvergleichliche Schönheit dieser Bitte aufmerksam gemacht —: „Unser Vater, barmherziger Vater, Lrbacmer, erbarme dich unser". —< Und was soll Gott uns gewähren, er, den wir da zweimal als unfern Vater und dessen Barmherzigkeit wir dreifach anrufen? was soll er uns gewähren? Vas tägliche Brot? Die Gesundheit unseres Körpers? Die Güter dieser Welt? Nichts von alledem; denn folgendermaßen fährt das Gebet fort: „Erbarme dich unser und verleihe unserm Kerzen die Fähigkeit, zu verstehen und zu begreifen, zu lernen und zu lehren, zu beobachten und zu erfüllen alle Worte deiner Lehre in Liebe. Erleuchte unsere Augen durch deine Lehre und laß unser Herz an deinen Geboten hangen, und gib unserm Herzen die alleinige Richtung, deinen Namen zu lieben und zu verehren", wirkonnen von Ort zu Ort wandern und von Land zu Land, von Volk zu Volk und von Bekenntnis zu Bekenntnis: und wir werden kaum ein Gebet finden, in welchem Menschen mit solcher Innigkeit beten,nicht um irdische Güter, sondern um die Fähigkeit, die Erleuchtung und die Herzensrtchtung, sich in Liebe und Verehrung zu beugen vor den ewigen Wahrheiten und den unwandelbaren Sittenlehren. Besonders die zuletzt angeführten Worte des Gebetes sollen uns der Gipfel sein all unserer wünsche und Bitten, die beiden Worte wefached lewowena, für die wir in der deutschen Sprache wohl eine ganze Reihe von Worten setzen müssen, wenn wir den tiefen Sinn auch nur annähernd wiedergeben wollen. WejachSd lewowenu: gib unfern Herzen die alleinige und ausschließliche Richtung, nämlich Gottes Namen zu lieben und zu verehren?) Nicht mehrere Richtungen soll unser Herz verfolgen, nicht heute für Gott und ein andermal gegen Gott, nicht heute für das Gute und morgen siir das Böse, nicht heute für eine sittlich-religiöse Lebensführung und morgen für ein zügelloses, verantwortungsloses Leben. Nein, wejached lewowenu, gib unfern Herzen die alleinige, die ausschließliche Richtung zum Guten, Edlen und Heiligen, auf' das; wir nicht „nach beiden Seiten hinken" U. B. Könige \s, 2j), sondern auf festen Füßen stehen, gefestigt und gekräftiat durch die Grundlehren unserer Thora, die unser Leben be deuten und die Dauer unserer Tage. x) s. Steinthal: Ueber Juden unb Judentum, S. 357 f. *) s. Steinthal daselbst. der Vereinigung der liberalen Rabbiner deutschlanüs. Ein offener Brief. Meine Herren! Ich habe, im Iuniheft dieser Zeitschrift, die Stellung der jüdischen Religion zur Friedensidee einmal eingehender zu würdigen versucht. Und kam dabei zu dem Ergebnis, daß die Sehnsucht nach einem Zustande sttedlicher verträglichkett auf Erden, die Idee eines messianischen Menschheitsreiches, einen der bedeutsamsten Grundzüge des Judentums ausmache. Auch Sie, meine Herren, haben sich in den von Ihnen im Jahre aufgeftellten „Richtlinien zu einem Programm

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