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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1922-09-01 · Heft 9 (September 1922) · p. Seite 62

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1922
Issue
Heft 9 (September 1922)
Date
1922-09-01
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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62 Hunderts, der Idealismus, die Romantik, der Materialismus, der Aufschwung der Naturwissenschaften, die kritische Methode in der Geschichtswissenschaft, die großen politischen und wirtschaftlichen Bestrebungen und Veränderungen — das alles wirkte zusammen, um die seelisch erschütterten Menschen nicht zu ruhiger, gleichmäßiger, sondern zu stoß- und ruckweiser Entwicklung kommen zu lassen. Dazu kommt die der Religion überhaupt wenig günstige Gesamtrichtung der Zeit. So ist es gekommen, daß die scheinbar günstigen Voraussetzungen für den religiösen Liberalismus im Judentum sich nicht als solche erwiesen, daß er eine religiöse Ev« Neuerung nicht zu bewirken vermochte. Aber es ist ohnehin ein Irrtum, wenn man meint, daß eine religiöse Bewegung, gleichgültig ob Liberalismus oder Orthodoxie, religiöse Erneuerung schaffen könnte. Line jede solche Bewegung wächst vielmehr aus tiefer und neuer Religiosität der führenden Geister heraus und schafft die Bedingungen für neue und vertiefte Religiosität der Massen, indem sie Hindernisse solcher religiösen Vertiefung und Verinnerlichung hinwegräuntt. Ein Blick auf die Religionsgeschichte lehrt das ganz unzweideuttg, und wo es anders zu fein scheint, ist es doch nur insofern der Fall, weil der Boden so bereitet war, weil die religiöse Verinnerlichung gleichsam in der Luft lag und nun durch Gedanken und Worte führender Persönlichkeiten das Sehnen der Masse den rechten Ausdruck fand. Das gilt z. B. von der Entstehung des Chassidismus. Aber gerade die Geschichte des Chassidismus zeigt wieder, welche Gefahr dem religiösen Leben droht, wenn die Forderung religiöser Verinnerlichung so rasch Widerhall findet. Sie wird dann oft nicht zur Erneuerung, sondern führt leicht zur Ueberrvucherung der echten Religiosttät. Die Probleme des religiösen Lebens wie die Probleme des Seelenlebens überhaupt und des menschlichen Gemeinschaftslebens lassen sich eben nicht auf eine einfache Formel bringen. Ich bin kein ausgeklügelt Buch, Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch. Aber das darf uns in der Bewertung der Bestrebungen nicht irre machen. Gewaltig ist die religiöse Erneuerung, die auf die Propheten zurückzeht. Aber betrachtet man die Wirkung in ihrer Zeit, so sieht man fast nichts von ihrer Religiosität in den Massen. Ueberaus klein ist der Kreis, auf den sie in ihrer Zeit religiös beftuchtend eingewirkt haben; ihre Wirkung lag in der Zukunft. Den Liberalismus nach seinen Erfolgen zu beurteilen, ist darum verfehlt, und verfehlt ist auch die Meinung, als hätte etwa die Begründung der Vereinigung für das liberale Judentum eine religiöse Erneuerung schaffen können. Dazu ist eine Organisatton niemals imstande, und das haben ihre Begründer auch gar nicht geträumt, so sehr sie es herbeigesehnt haben. Die Grundlagen schaffen, den Boden bereiten, das soll die Organisation. Diese Organisation brauchte ein klar «mrissenes Programm als den Ausdruck der ihren Anhängern gemeinsam Anschauung, als Feststellung der praktischen Aufgaben. Die Vorarbeit hierfür waren die der posener Versammlung \$\2 vorgelegten „Richtlinien", wir sind uns dessen bewußt gewesen, md ich habe es in meinem Referat nachdrücklich betont* *): „wir schaffen keine neue Religion, ja wir sprechen nicht einmal eine neue religiöse Anschauung ans". Es find vielmehr „die Grundsätze unsrer religiösen Anschauung nach unserer liberalen Auffassung vom Judentum, Haben wir die Anschauung der Menschen erst so weit erfaßt und nach der Richtung hin gelenkt, wie es für die religiöse Zukunft des Judentums notwendig erscheint, dann köcknen wir dessen sicher sein, daß alles weitere, das religiöse Leben im Judentum sich demgemäß entwickeln wird, und wir damit den ersten Schritt getan haben, um unser Judentum lebendig zu erhalten für uns und für die Zukunft"?) Daß die Aufstellung der „Richtlinien" religiöse Erneuerung bewirken könnte, ist eine Utopie, zu der ich mich niemals bekannt habe. *) Richtlinien zu einem Programm für dar liberale Judentum, S. 93, *) Dal. S. 110. Religiöse Erneuerung kan» nur von Innen heraus kommen, und ich meine, daß die „Richtlinien" und die in ihnen niedergekegte Auffassung des Judentums die Grundlage für eine solche bieten können. Dabei verschlägt es nichts, wenn der eine oder der andere mtt einzelnen Sätzen oder Teilen der „Richtlinien" nicht oder nicht völlig übereinsttmmt. Denn gerade die Erörterung muffe wenn sie nicht dogmatisch oder formalistisch gebunden ist, zu einer Vertiefung des religiösen Bewußtseins führen — vorausgesetzt daß ein solches Bewußtsein überhaupt vorhanden ist. Wir brauchen in unserer harten Gegenwart dringend echtes religiöses Bewußtsein, und das Judentum wird seiner Aufgabe, zum Lichte der Völker zu werden und der ganzen Menschheit religiöses 'Hell zu bringen, erst daun vollauf gerecht werden können, wenn es selbst rekigös neu aufgerichtet ist.*) m. Das Ziel des Liberalismus ist die „prophetische Religion". Ls geht mit diesem Worte wie mtt so vielen anderen Schlag« Worten. Mißverständnisse hüben und drüben. Ich habe einmal einer Religionsfiunde beigewohnt, in der der Lehrer die Erklärung herausbrachte, daß unter prophetischem Judentum «in solches verstanden werde, dar sich nicht an die Thora HLtt. So hat er die liberale Idee falsch gedeutet und bei feinen Schülern zu diskreditieren versucht. Auch auf liberaler Seite fand und findet man da und dort die Auffassung, daß xroxhettsches Judentum ein solches sei, daß unter Loslösung von aller Form lediglich die Idee festhält, und daß man durch Besettigung aller Form rasch zu diesem Ziele gelangen müsse. Auf beiden Setten Verkennung der Propheten, vettennung des Wesens geschichllicher Entwicklung und Verkennung der Rellgion und reügiöser Erneuerung. 1 Die Propheten haben sich gegen die Form gewandt, aber nicht gegen die Form überhaupt, fondem gegen die inhaltlose und gegen die gedankenlos geübte Form und gegen die heidnische Auffassung, als genüge die Erfüllung'der Form, unabhängig von der Gesinnung und von sittlichem handeln im Leben. Was prophetische Religion iss, sagt die wundervolle Jeremiastelle, die davon tz>richt, daß die Lehre in unser Inneres gelegt und uns ins i$«3 geschrieben sein soll?) Das ist die Forderung reügiöser Erneuerung von innen heraus; das bleibt die ewige Aufgabe. Die Propheten find uns die Wegweiser, die weithin ragenden Gipfel echtester Religiosttät, die Männer, die gegen die Erstarrung und gegen die Veräußerlichung der Religion ankämxfend, die religiöse Idee und das religiöse Empfinden und aus beiden heraus die stttliche Tat verlangen. Sie haben als das große Ziel die Einigung der ganzen Menschheit im Dienst« der einen Gottes hingepellt. Ihr Geist isi uns lebendig, wenn wir am Neujahr- «nd versöhnungsfeste beten. Nicht in mechanischer Uebung und nicht in mechanischer Abschaffnug der Formen, sondern in fteiem, tief innerlichem Erfassen der Religion, in stetiger ruhiger Entwicklung sie vertiefen und zur Lebensmacht werden lassen, das muß die Aufgabe des Liberalismus fein. Bringt das neue Jahr uns auf diesem Wege vorwärts, so ist es für uns und für das Judentum wertvoll. „Daß doch das ganze Gottesvolk Propheten wären! daß Gott seinen Geist auf sie legte!" l) Bgl. Jesaja 49, 6. *) Jerem. 31, 32. Sas,0och" See tkhora. (Zum Simchas-Thauroh-Fest.) Von Rabbiner Dr. Norden-Elberfeld. Zwei Feste im jüdischen Kalenderjahrender Freud« über die heilige Lehre gewidmet: das Schowuaus-Fest und das Schlußfest. Am Schowuaus-Fest tritt uns die Stunde der Offenbarung vor die Seele, wir sehen im Geiste unsere Vorfahren, wie sie, erst wenige Wochen nach ihrer Befreiung

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