Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 9 (September 1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands. Nr. - September 1-22 4. Jahrgang Suhalt: Zum neuen Vahr«, von Rabbiner Dr. Dogelsteln.Breslau. - Das „Joch" der Thora, von Rabbiner Dr. Norden-Elberfeld. - Der Dev» «intgung der liberalen Rabbiner Deutschlands, von Botho Laserstein-Berltn. - Gottesgedanke und Gottesdienst, von Joseph Weinsast-Berlin. (Schlutz). - Wir Rabbiner, von Rabbiner Dr. Emst Appel-Dingen. - Aus Bibel und Schrifttum, von Robert tztrschfeld-Derlin. - Spender-» Ltfd». — Deretnsabresseru 4. Delegiertentag! jüSlfch'lltillslll JupMiu VruWsiA | am 24.-26. Dezember 1922 in Breslau. | Jüdische Weltanschauungsfragen Zum neuen Jahre. Bon Rabbiner Dr. Bog elfte in-Breslau. I. Friedlos geht das Jahr zu Lude, friedlos zieht ein neues ein. Zwar das grausige Völkermorden liegt nun schon Jahre hinter uns, und die Sehnsucht nach Frieden ist in den Kerzen mächtig. Aber es ist, als hätte ein Paroxysinus des Unfriedens, eine Raserei der Zwietracht und des paffes die Menschen ergriffen und triebe Staaten und Rationalitäten, Parteien und Stände gegeneinander. Mitten im Kriege war die Welt nicht friedloser als jetzt. An den heiligsten Tagen des Jahres beten wir um Einigung der ganzen Menschheit in der Verehrung des einen Gottes zu einein großen Bruderbünde, um Seinen willen init ganzem Kerzen zn tun, Sein Reich auf Erden orifzurichten, daß der Frevel seinen Mund schließe und freies Wort denen gewährt sei, die in der Zuversicht aus Gott und aus Sein Reich leben. Das ist die Verwirklichung des Berufes Israels, und das die Hoffnung, daß der geschichtliche Berus und die geschichtliche Leistung Israels verwirklicht und von allen anerkannt wird. In dieser friedlosen Gegenwart dies die Botschaft des neuen Jahres, wir wissen, daß das kommende Jahr nicht die Verwirklichung bringen wird. Aber das Gebet ist uns nicht ein leeres Wort, nicht ein bloßes träumerisches hoffen, sondern es trägt in sich selbst gleichsam schon die Erfüllung. Denn der rechte Ertrag des Gebetes ist, daß aus der Beziehung des eigenen Ich auf Gott und aus der Beziehung alles Geschehens auf Ihn die eigene seelische und sittliche Kraft gestärkt und der Mensch unabhängig wird von allen wechselfällen des Geschicks. Das Schicksal mag bringen, was es wolle: in dieser Sicherheit wurzelt die Kraft, die selbst inr Unterliegen noch siegreich triurnphiert. Denn die Bitte, die wir im Gebet aussprechen, wird durch dies Aussprechen uns zur Aufgabe, die Zukunft, die wir hoffen, wird uns Pflicht und das der eigentliche tiefste Inhalt unseres Lebens, daß mir dieser Pflicht gerecht werden. So haben die Psalmensänger uns beten gelehrt. Ihr Optimismus war nicht, daß sie vor Leid und Unrecht die Augen verschlossen und sich in eine eingebildete glückliche Welt geträumt haben, ihre Frömmigkeit nicht, daß sie mit frommem Augenaufschlag gebetet und dann die Hände in den Schoß gelegt haben, sondern daß das Gebet ihnen dje Zuversicht neu belebt, die Schaffenskraft gestärkt hat. Darum enden fast alle Klagepsalmen mit jubelndem Dank für Rettung, die eben schon als gegenwärtig empfunden wird. Anders und im Grunde doch ganz ähnlich die Propheten. Sie haben ihre Gegenwart init allen Mängeln klar überschaut, aber ihr Gottesbewußtsein und ihr Optimismus hat den Begriff der kommenden Tage, der Zukunft, und den Begriff der Zukunstsverpflichtung geschaffen. In ihrem Gottesglauben wurzelt ihr Glaube an die Menschheit, ihr Zuknnftsglaube und darin ihre Kraft zum Ausharren in ihrem Kampfe für Gott und für das Gute. Wenn Felsenriffe Bahn und Fahrt verengen, Um den Geängsteten die Welle tobt, Alsdann vernimmt ein so bedrängtes Flehen Religion allein von ew'gen Höhen. Die Zeitäst so, wie das Goethe wort sagt, und die Rettung liegt letzten Endes nicht in irgend welcher günstigen Wendung des äußeren Geschicks, sondern darin, daß wir wirklich „Religion vernehmen". Erneuerung und Vertiefung des religiösen Bewußtseins — dazu sollen diese Festtage beitragen. Es ist eine alte und immer wieder neue Forderung, eine ewige Aufgabe. Denn Religion ist nicht ein fester Besitz, den wir in satter Selbstzufriedenheit unser eigen nennen können, wenn sie das ist, dann geht sie ihrem eigentlichen wert nach rasch verloren, und was bleibt, ist leerer Formelkram oder ein kaltes Lehrgebäude oder andächtige Schwärmerei. Religion, wie die Propheten und pfalmisten sie uns lehren, ist ein Gut, das wir stets von neuem erwerben müssen, um es zn besitzen, aber ein Gut, das wir brauchen, wenn wir seelisch fest im Leben stehen wollen. Der Sinn der Festtage wird darum von dem verkannt, der meint, es genüge, sich einmal erheben und erschüttern zu lassen. Vielmehr ist das der Zweck religiöser Erhebung und Erschütterung, daß Gedanken und Empfindungen angeregt werden, die im täglichen Leben nach wirken. Lin äußeres Sinnbild hierfür ist das Hüttenfest, das unmittelbar auf die großen Tage folgt und uns sagt, daß wir in der Freude wie in dem'großen Erleben Gott suchen und wahre Religiosität finden. II. Religion nicht als totes Gut, sondern als wirksame Lebensmacht —- das muß das Ziel einer jeden Bewegung innerhalb einer Religionsgemeinschaft sein. Line Bewegung, die politische oder religionspolitische Ziele voranstellt, mag vorübergehend erfolgreich sein: wertvoll bleibt ihre Wirksamkeit nur dann, wenn sie von vornherein auf stete religiöse Erneuerung abzlelt. Eine solche Erneuerung war notwendig, als die Ghettomauern fielen und modernes Leben und moderne Kultur hereinflutete. Die Voraussetzungen für den religiösen Liberalismus erscheinen oberflächlicher Betrachtung sehr günstig, sie waren es tatsächlich nicht. Ohne Uebergang ist das Judentum aus dem Mittelalter in die moderne Zeit eingetreten, und die Erschütterung des ganzen Gefüges mußte umso stärker fein, weil eine Ueberfülle von Einwirkungen fast gleichzeitig in die Erscheinung trat, vielfach einander entgegen wirkte und fast durchweg in ihrer Parallelität oder Gegensätzlichkeit das religiöse Lmpfinden beeinträchtigte. Die Aufklärung des;s. Jahr-