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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1922-08-01 · Heft 8 (August 1922) · p. Seite 57

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1922
Issue
Heft 8 (August 1922)
Date
1922-08-01
Page
Seite 57 (sequence 5)
Language
German
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57 der die Verkörperung der allmnfaffend-n Menschheitsliebe mrd des meffimrffchen Gedankens iss. -er voVoimnene, also ««erreichbare Gott, der so hoch und erhaben dasteht, daß er nicht mehr Wesen sein kann, sonder« Idee «erden muß, der wir dienen können nur, indem wir sie suchen. Vas ist die letzte der drei großen Entwicklungsphasen der' Menschheilsseele. In ihrem Schlummer zeugt sie Götzen, reine Sinneswerke, greifbare Gestalten. Bei ihrem ersten traumhaften Erwachen entdeckt sie Gott als Wesen, über den Menschen thronend und sie, ftei von ihren Leidenschaften, nur nach Gerechtigkeit und Liebe richtend. Das große und volle Erwachen der Menschheitsseele erfolgt, und Gott als vorhandenes Wesen ist nicht mehr denkbar, er wird das zu erstrebende Ideal. Götzenbild, wesen Hafter Gott, Gottesidee, dassind die dreiLntwicklungsphasen des Gottesgedankens. Das Opfer der Sinne, das Gebet des Herzens, das Suchen -er Seele — das sind die drei Stufen des Gottesdienstes. Die bildhaften Götzen sind verschwunden, die wesenhafte Vielgötterei ebenfalls. Die Vorherschaft der Sinne mußte der Offenbarung der Seele weichen. Offenbarung, sage ich — denn die Wege, die die Seele geht, sind nicht nach Logik, Beweis und Folgerung zu ordnen. Das unendliche Gebiet der Seele hat viele Wege, aber sie lassen sich nicht aufzeichnen und festlegen, und sie haben keine bestinmten Wegweiser. Sie sind oft verschlungen und schwer zu finden, und niemand kann allgemein sagen: diese Wege sinfalsch, jene sind die rechten. Ls ist ein Tasten und Suchen der Linzelseelen, und viele bleiben stehen, wo andere weiterfuchen. Und so sind viele stehen geblieben bei der Erkenntnis vom geoffenbarten, wesenhasten Gott. Und wir finden heute den Gottesgedanken auf der einen Leite im wesenhaften, seienden Gott, auf der andern Seite in der zu erstrebenden, zu suchenden Gottesidee verankert. Hier sind wir auf der Basis angelangt, von der aus Religiösität, religiöse Strömungen und Richtungen, Aufbau und Gestaltung des Gottesdienstes zu betrachten sind. Nur die Auffassung vom Gottesgedanken kann und darf Rahmen und Grundlage für eine kritische Betrachtung des Gottesdienstes sein. (Fortsetzung folgt.) Beiträge zur Geschichte -er Reformbewegung im Judentum. Bon Hermann Becker-Berlin. (Schluß.) wir haben nicht ohne Grund Abraham Geiger so vielfach zu Worte kommen lassen, weil er der erste, geistvollste Vertreter der Reformbewegung gewesen ist. Doch neben Geiger habe,: auch andere bedeutende Reformer für die Erneuerung des Judentums gewirkt, die wir in Nachstehendem, wenn auch nicht in so großer Ausführlichkeit, hören werden. Gabriel Riesser sagte (Ges. Schriften Bd. 2 S. 0 (83 ( in seinem Aufsatz „Ueber die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Dentchland. An die Deutschen aller Konfessionen": „Dennoch sah er (der Verfasser) sich genötigt, einer für die Sache seiner Glaubensbrüder höchst verderblichen Indifferenz gegenüber die Gesinnung auszusprechen, die Hpt und viele, die mit ihm gleich denken, bestimmt, an der Lehre ihrer Väter festzuhalten, wenn sie gleich sehr vieles von den Formen derselben, was anderen wesentlich erscheint, als der vorübergehenden Notwendigkeit einer untergegangenen Zeit angehörend, von sich weisen. Der Verfasser hält es für angemessen, diese Gesinnung als ein Phänomen, wie es sich bei einem großen Teile der iunaeren Generation der Israeliten in Deutschland von selbst gestaltet hat, darzvstellen, ohne sie theologisch rechtfertigen oder dafür pro* selyten werben zu wollen. Er selbst hält dieselbe fteilich für eine dem Geiste der Lehre Mosis und der Propheten — als einer Lehre der Hoffnung, der Zukunft, der Entwicklung, nicht des Glaubens, der Vergangenheit und des Stillstands — angemessene, ja für eine auf einem bestimmten Punkt des Fortschritts notwendig aus dieser Lehre hervorgehende. Es ist ihm aber vollkommen gleichgültig, ob man etwa jene Gesinnung für eine außer aller positiven Religion stehende, für reinen, klaren Deismus hält! Denn er glaubt als Mensch und als Jude keiner irdischen Macht Rechenschaft für seine religiösen Ansichten schuldig zu sein." Bd. 2 5. 9( (Gegen Dr. Paulus): „was Herr Dr. p. für feine Ansicht anführt, läuft alles darauf hinaus, daß die Juden nach eigenen Gesetzen leben. Um hier klar zu sehen, ist nichts erforderlich, als daß man solche Gesetze, welche bürgerliche Gegenstände betreffen, von solchen trenne, die von denen, die sie halten, als aus der Religion einzig und allein hervorgehend betrachtet werden." (§u den ersteren zählt R.: Gesetze über Heiraten, Ehescheidungen, Erbschaften, Kontrakte.) . . . Aber es gibt eine ganz andere Art von Bestimmungen, die auch den Namen von Gesehen ftihren, auf ähnliche weise, wie die katholischen Bestinrmungen über die Fasten Fastengesetze genannt werden. Diese Bestiminungen werden von den Juden insgesamt als von der Religion ausgehend betrachtet; denn selbst diejenigen, — deren Anzahl aller Arten sehr beträchtlich ist, — die davon abweichend gehen dabei von der Ansicht aus, daß ihre Religion auf einer höheren Entwicklungsstufe dieser Aeußerlichkeiten entbehren könne, nicht aber, daß dieselben von Anfang an mit der Religion in keiner Beziehung standen. . . . worauf beruht denn unser Irrtum? Doch darauf, daß wir Verpflichtungen,' die es nicht sind, für Religionspflichten halten, nicht darauf,' daß wir sie üben, nachdem wir sie für der Religion fremd,' für der politischen Gesetzgebung angehörig erkannt haben" Derselbe (Ges. Schriften Bd. 2 S. 20(. Aus der Zeitschrift „Der Jude." (832): „Wem bei jenen schwach entworfenen Zügen (Religiöse Gebräuche) auch nur ein verehrtes, erhabenes, heiliges Bild, wie' dem Verfasser dieser Zeile«, vor Augen schwebt, der wird seine Entrüstung über jene engherzige, stumpfsinnige Auffassung des äußeren Lebens einer Religion teilen. Er wird darum freilich nicht minder das Aeußere von dem Inneren, das Vergängliche von dem Unvergänglichen zu trennen wissen; er wird Formen, die nur in freier, leichter, ununterbrochener Gewöhnung Wert haben, nicht gewaltsam festgehalten wissen wollen/ wo sie sich auftösen; er wird es der Seele der Religion zu» trauen, daß ste an der Stelle des Gewandes, das die Zeit ihr vielleicht zerstört, nachdem es sie Jahrtausende hindurch umhüllt, sich ein noch dauerhafteres, geistigeres und darum keiner Zerstörung durch die Zeit ausgesetztes zu schaffen imstande sein würde." Leopold Stein, Rabbiner in Frankfurt a. Ul., begründete (85( eine Monatsschrift „Der Israelitische Volkslehrer," welche im Verein mit anderen reformfreundlichen Rabbinern und Lehrern die Reformbewegung fördern sollte. Diese Zeitung bestand nur kurze Zeit, allein ihr Inhalt ist für diese Bewegung von nachhaltiger Wirkung gewesen.' wir teilen hier aus dem ersten Bande des ersten Jahrganges einige ftir die Bewegung wichtige Aussprüche mit. Der Herausgeber bezeichnet in dem ersten Artikel „Einleitendes Wort" die Absichten, die ihn geleitet haben, in folgenden Worten: „ . . . um die religiösen Ideen, rein und geläutert, in anregender, volkstümlicher Darstellung, nach dem Bedürfnisse der Gegenwart, in alle Schichten des Volkes weithin zu v e r b r e i t e n. Ls geschieht dafür unter den Israeliten leider zu wenig!" — Ist es nicht, als ob Stein heute diese Worte gesprochen hätte? Und sollten sie nickt auck uns. den Lebenden das Gewissen sckärsen. Steins

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