Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 8 (August 1922)
- Date
- 1922-08-01
- Page
- Seite 56 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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gehen wollen, deren Ziele dem verstand verschlossen find, wenn wir Über das wie alles Geschehens hinaus Antwort auf das warum alles Seins zu finden suchen. Des Menschen Geist arbeitet ruhelos, um den Sinn des Daseins zu erforschen, wenn er fühlt, daß sein Denken nicht vermag, Antwort auf letzte Fragen zu finden, und wenn er darüber müde und schwach wir-, dann ruft ihm die Seele zu: Du sollst suchen! Der verstand zweifelt: Ls kann nicht fein, denn ich finde es nicht. Die Seele beharrt auf ihrem: Suche! Denn was wären die letzten Dinge, was wären Wahrheit, Hoffnung, Liebe, was wäre Gott, wenn du sagen könntest: chier ist die Wahrheit! Das ist Gott! Und woher wolltest du Kraft zum Leben, Glauben an das Leben schöpfen, wenn du die Wahrheit erklären, Gott beweisen könntest, wenn der Sinn und Zweck -eines Lebens nicht mehr ein Suchen, son- -ern ein Zehren von gegebenen Tatsachen wäre? — Gott i st unerklärbar und unbeweisbar. Aber das ist seine Ehre und Majestät, und das ist der Glaube und die Kraft, durch welche die Menschheit lebt von Anbeginn! Und ftagen wir nach Lrhaltungskraft, Daseinszweck und Aufgabe des Judentums, so liegt die Antwort schon in dem Namen: Israel - Gotteskämpfer, Gottessucher. Das Judentum schuf Menschheitsideen, und als oberste den Satz: Der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig. Es schuf den Glauben an den einig — einzigen Gott, als tiefste Erkenntnis. Schwer war der Kampf, den die Gottesidee auszufechten hatte, um Gemeingut der Menschheit zu werden. Man könnte ihren Entwicklungsgang mit dem Leben eines Menschen von der wiege bis zur Reife vergleichen. Für das Kind ist zunächst nur das vorhanden, was feine Sinne wahrnehmen, was es sieht, hört oder fühlt, wenn es zu ftagen beginnt, werden ihm die Antworten genügen, die ihm, mit Hilfe seiner Sinnesorgane, begreiflich erscheinen. Zeigt man einem ganz jungen Kinde etwa einen Strauß schöner Blumen: es sieht ihn, greift danach und wird sich darav erfteuen. Später wird es wohl fragen, wo und wie diese Blumen wachsen. Man wird es zur Wiese führen, wird ihm zeigen, wie die Blume in der Erde wurzelt, und wie die Erde, genährt durch Regen und Sonnenschein, ihr die Kraft zu dieser Farbenmtfaltung gibt. Und das Kind lebt und wächst heran in natürlicher, unbewußter Freude an all der Schönheit, die es schaut. MitdemAugenblick, dademMenschen die Antwortaufdas wo und rvienichtmehr genügt, da ihm die Frage auffteigtr warum sind diese Blumen, warum ist die Erde und die Sonne, warum ist all das Schöne und all das häßliche, all das Gute und das Böse, warum bin ich selbst? wer schuf das Alles, und warum ist es da? — mit dem Augenblick, wo eine dieser Fragen in ihm wach wird und nach Antwort sucht, i st d e m Menschen der Besitz der Seele bewußt und offenbar geworden. Ihm selbst unbewußt, ruht die Seele im Menschen von Anbeginn seines Lebens. Denn Empfindungen, Gefühle wie Freude und Leid, Liebe und Haß, Hoffnungen und wünsche, Aengste und Nöte, begleiten und gestalten den Lebenslauf schon von der wiege an. Aber erst, wenn jener große Wendepunkt im Dasein des Menschen gekommen ist, wenn'er zürn ersten Male nach dem warum der Dinge fragt, wird er zu suchen beginnen, wird sich ihm die Seele offenbaren. Die Seele der Menschheit ruhte unbewußt in ihr von Anbeginn. Denn seit es Menschen gibt, gibt es Hoffnungen und Enttäuschungen, Liebe und Haß, Freude und Leid. Und solange es Menschen gibt, werden sie einer Gestalt, einer Nacht, einer Kraft bedürfen, die über ihnen steht, werden sie nach Wesen oder Begriffen suchen, denen sie ihre Freude Mitteilen, von denen sie Erfüllung ihrer wünsche und Sehnsüchte, Tilgung ihres Leides und Kummers erhoffen, denen sie ihre Geftihle offenbaren können, werden sie Ideen suchen, in deren Dienst üe ibr Leben stcliei Als die Seele noch schlummernin den Menschen wirkte, schufen sie sich sinnlich wahrnehmbare Wesen, greifbare Gestalten, an deren übermenschliche Macht sie glaubten, die sie. sich jedoch nur als Wesen mit menschlichen Ägenschaften behaftet vorstellen konnten. Wie in den Menschen selbst, so mußten auch, nach ihrer Vorstellung, in jenen Götzen und Göttern Leidenschaften wohnen. Das Leben der Götter untereinander wie ihre Stellung zu den Menschen mußten ein ewiger Wechsel von Liebe und Haß, von Gunst und Mißgunst, von Lob und Tadel, von Belohnung und Strafe, von Neid und Dankbarkeit sein. Erhaben über die Menschen waren sie eben nur durch die Macht, mit deren Hilfe sie die ihnen unterworfen en * Elemente, Schicksale oder Geftihle — sei es die Unterwelt, die Gestirne, das Feuer, das Meer, fei es der Krieg, fei es die Liebe, die Freude — in ihrer Gewalt hatten und ganz nach eigenem Gutdünken in Beziehung zu den Menschen bringen konnten. Man baute ihnen Tempel, brachte ihnen Geschenke, um ihren etwaigen Zorn abzuwenden oder ihre Gunst zu erwerben, man brachte ihnen Sühne- und Frcudenopfer dar, um sie zu Versöhner, oder ihnen zu danken. Weit und beschwerlich war der weg, der von der sinnlichen, greifbaren Gestaltung der Götter durch die Menschen zur gedanklichen Vorstellung führte, zu der Erkenntnis, daß aus Stein und Erz gebildete Gestalten nicht Macht haben könnten über ihre eigenen Erzeuger. Langsam erwachte die Seele aus ihrem Schlummer; aus den greifbaren Gebilden der Sinne wurden übersinnliche, ideenhafte Wesen und Begriffe. Und sehr weit und lang war der weg, der vo» der Viel-, götterei bis zur Gotteseinheit führte. Aber wie alle Völker auch als sie über die rein sinnliche Gestaltung der Götter schon längst hinausgekommen waren, diese nicht ganz sreimachen konnten von menschlichen Leidenschaften und Trieben, so war auch das Judentum noch nicht dazu gekommen, den ihm geoffenbarten einig-einzigen Gott als eine nach Wesen und wirken vollkommen über den Menschen stehende Idee zu betrachten. DteseLrkenntnishatteund hat es wohl am schwersten, um sich dnrchzuringen. Wohl war der Gott Israels in seinem Witten eine gewaltige Veredelung gegenüber den Göttern, das Maß seiner Güte war von Menschen kaum erreichbar, er ließ „Gnade Watten bis ins tausendste Geschlecht, denen, die ihn lieben und seine Gebote hatten", aber er war doch „der effervolle Gott, der da ahndet die Schuld der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Geschlecht, bei denen, die ihn hassen." Er strafte und belohnte, übte Rache und ließ Gnade walten, war oberster Richter über die Menschen, den man bittet, um Gnade zu finden, und der Sühne- und Dankopser verlangt. Man fordette sichtbare Zeichen seines waltens, ließ im Unglück von ihnen ab, und verfiel sogar zurück zur Gestaltung eines Götzen aus Erz, der ja bis auf den heuttgen Tag mit göttlicher Verehrung umkleidet wird, und den zu entthronen schwerer scheint, als die Gottesidee auf den Thron der Menschheit zu setzen. Doch Menschen, deren Seele ganz erwacht war, vermochten es, Gott zu erkennen, enthoben aller menschlichen Leidenschaften und Triebe. Propheten erkannten den Gott der Gerechttgkeit und der Liebe, dessen Gunst nicht durch Geschenke und Gebete zu erkaufen ist, dem man nicht durch Vpser mit den Sinnen oder mit-den Lixpen dient, sondern der nichts fordett als „Recht zu tun, Liebe zu üben und in Demut seine Wege zu wandeln". Dieser Wendepunkt in der Entwicklung des Gottesgedankens, dieser gewaltige FortschrittvomDienstderSinnezumreinen Dienstdes Herzens, diesesgroßeErwecken der Menschheitsseele — das war feie erhabene, einzig dastehende Sendung der Propheten. Aus dem Gott der Rache wurde der Gott des Rechtes, und aus ihm der Gott der Liebe, dessen oberstes Gebot lautet: Liebe deinen Nächsten. er ist wie du: der Gott,