Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 8 (August 1922)
- Date
- 1922-08-01
- Page
- Seite 55 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrhunderts will mau das Judentum nicht festhalten, betont auch, daß die Zahl der Gesetze mit dem Bedürfnis im Gnllang stHe» inüffe. Ab« ist das Judentum Gesetzesrrügion —mit welchem Rechte können wir cm das Gesetz rühren- Ist nicht auch das Opfer und alles auf den Gpferdienst Bezügüche Gesetz? Und P das Tragen eines Taschentuches am Sabbach auch „religionsgesetzlich* verboten? Auch hier liegt ein« Aebersteigeruvg der Beobachtung und Erkenntnis oot, daß die Religio« — wie übrigen» eine jede menschliche Einrichtung — bestimmt« Formen bedarf, in denen sie sich ausprägt, und die ihrerseits wiederum ^ts religiöse Empfinde» und Renken anregen. Daß manche Liberale und zahlreiche Mitläufer des Liberalkmus das außer Acht gelassen hoben, darf «ns nicht dazu führen, in das entgegengesetzte Extrem zu verfallen und das antlliberale Prinzip der Gesetzlichkeit autzvstell«. Den» das Prinzip der Gesetzlichkeit ist ein starre» und widerstreitet dem Prinzip der Entwicklung, da» keineswegs nur das formale, sonder« das reale Prinzip des Liberalismus ist. Die Anerkennung dieses Prinzips der Entwicklung gibt «ns auch gegenüb« den „Erscheinungsformen* des Judentums, wie die Richtlinie» sie treffend bezeichnet haben, den richtige« Maßstab. Sie bewahrt uns vor der Enge der Auffassung, die m der Beibehaltung gewiss« Forme« wahre Religiosität sieht, wie vor d« Enge d« Auffassung, die stürmisch die Abschaffung der Formen aus religiösem Interesse fordert. Beide Anschauungen verfalle« in de» Fehl«, de« Forme» wesenhafte« Eigenwert zuzvschreibe», während ihre Bedeutung tatsächlich nur die oben gekemyeichnett sein kann. Ehrfurcht de« geschichtlich Gewordene«, auch wo wir es ablehne», Wahrung dessen, was religiös fruchtbar ist od« fruchtbar gemacht werde» kau«, ab« keine rcnnantLsche Verklärung! D« Mensch ist nicht um d« Religio« willen da, sonder» die Religio» ist das wertvollste seelische Gut des Mensche«. Sie muß daher so gestattet sei», daß fie ihn in tiefst« Seele za erfaffe» vermag. Darum muß ft* gegemwartskrLstig sein uud zugleich die innige Verladung mtt d« Vergangenheit zu wahre» wisse». So allein bindet fie wieder den fönjebtea an die Gesamtheit. Darum trägt der Liberalismus die Verantwortung für die äußere Form d« Betätigung der Religio« auf den Guzekne« und lehnt es ab, eine» treuen, liberale« Schalcha» «ach aufzusteü«. Es ist liberale Romantik, die solches will, ab« diese RomautS führt zur Reaktion und km» trotz möglich« Augenblickserfolge nicht wahrhaft segensvotl fein. Die Gefahren d« Romantik zeige« sich «och devtttch« in ein« andere« Richtung, der« theologisch« wortführ« neu«dings so wett geht, nicht an» der religiösen Idee, somder» aus dem Blut, aus dem jüdische» Menschen heraus die Religio« des Judentums nicht als Mc fundamentale, sondern als ein» allerdings wesentlich« Ausprägung des jüdische» Mensch« darzustellen, hier muß diese Romantik, diese Neberftmnnung des Gefühlsmäßigen, mitte« in die Reaktion hinedrführ«, und zwar eine Romantik, die letzten Endes das Blutmäßig«, Nationale, Rassenmätzige an die Stelle des ReligLülerr letzt »ich «ft* beklagenswerte Verengung des religiösen Lebens zur Folge Hab« muß*). Es güt fiir mrs vielmehr d« Standpunkt festzuhalteu oder zu. gewinne«, der fern von d« Verirrungen de» Rationalls««» wie der RomantS uns ermöglicht, das Gleichgewicht zwisch« verstaudesmäßigem und Gefühlsmäßigem i« religiösen Leb« herzustellen, die nn ergründ liehen Tiefen zu ahn«, aus denen ««f« Judentum quillt, die Entwicklung z» verstehe», die auch das göttliche Gut, das den Menschen gegeben ist, zu durchlaufen hat, und dies« Entwicklung gerecht zu werde». Dazu führt uns die Kritik „die in alle Fett« eindringt, jede aus ihrem Standpunkte zum Verständnis bringt, die geschichtliche Entwicklung aus den Anfängen, aus d« dunklen Ahnung zu vollendeteren Erkenntnissen, zu höher« Ziel« nachweist, den wirkenden gotterfüllten Menschengerst i» bewußt« und unbewußt« Tätigkeit allezett anerkennt, ab« auch wachruft zu ununterbrochener Befruchtung" *). Denn RrttS ist nicht Opposition und Polemik, Nörgelei und MAelei, Leugnung und Vernichtung; sie ist vielmehr schöpferisch, sie allein schafft und alle Schöpfung ist Arittt. Die KritS der Reügion ist nicht irreligiös oder antireligiös, sondern sie wird die geltende Reügion cm d« Idee der Gottheit messen, welche dies« Religion selbst eigen ist. „Sie wird den glimmenden Docht in den unfrommen Geister» nicht auslösch«, sondern zur leuchtenden und wärmenden Flamme cmfachen; sie wird ab« auch m de» frommen Geist«» die mrruhige Fackel zur stillen Leuchte wandeln und die sengende Glut zur belebenden Wärme mäßige«. Sie wird auch fragen: was will diese Religion? und wie will sie das «rächen? und fo wird sie Ziel und Mittel derselben llar machen»)* Das ist der weg des religiösen Liberalismus iur Judentum. 3 L meinen Aufsatz Im .Liberalen Judentum'. 3 «Seiger. Jüd. Ztschr. I 249. 3 Stetnthah Zu Bibel und Religwnsphilchophie II ft f» Gottesgeöanke und Hottesüienst. Bo« Joseph Weinsaft-Berlin. Die Auffassung vom Gottesgedanken ist die Grundlage für d« Aufbau des Gottesdienstes, wir müssen also, um zu« Gottesdienst Stellung nehmen zu können, uns die Frage vorlegen: wem wollen wir dien«? — Wer ist Gott? — Denn Gottesdienst heißt Dienst an Gott. Und erst auf Grund «ns«« Gotteserkenntnis, auf Grund d« Gestaltung, die wir Gott, dem Objekt unseres Dienstes, geben, können wir den Dienst an ihm ausübeu, aus utzser« Vorstellung von Gott heraus könne« wir «st die Formen präge», in den« wir unser«« rekigtSs« Empfind« Ausdruck geben wolle«, «tt den« wir Gott gegenübettret« «ollen. I Der Gott esge-anke. I» einem Buche „vom Erleb« Gottes* von Heinrich Lhotzky steh« als Leitstitz dir Wort« Gott ist unerklarbar und unbeweisbar. Das ist feine Ehre und Majestät! Ab« w« ihn erlebt, Dem leuchtet die Lebensforme, Der ist außerstande, je von Gott zu lasse»! — Gott ist unerklärb« und unbeweisbar! Also dien« wir eine« Begriff, d« nicht erklärt, -essen Vorhandensein nicht bewies« werden kann, der vielleicht nur in unser« Ideenwett besteht? — Dar ist feine Ehre und Majestät! — J«fett» d« Grenz« -es verstand«, jenseits all« dessen, was mtt Rontgenstrahleu durchleuchtet, mit dem Messer seziert od« mikroskopisch untersucht werden kam^ dehnt sich das unbegrenzte, unendüche Gebiet der Seel«. Auf dittes Gebiet nEen wir uns beasben. wenn wir Wege