Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 8 (August 1922)
- Date
- 1922-08-01
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 84 — Bersrffra Sir nicht 2d»r vpenvr zur > LblSsuno brr Nrujadrsolückj wünsch» recht bald riniurahlra auf! Voftschrck-Kouto »rrslau 2lr. 11443, | Alfred Berger. WMMWWWWV»WWWWMV Jüdische Weltanschauungsfragen Titte Romantik, neue Reaktion. Bon Gemeiaderabhiner Dr. »og elfte in-»rtfCaw. Vor sechzig Jahren, im ersten Jahrgang seiner Jüdischen Zeitschrift für Wissenschaft und Leben hat Abraham Geiger in einem seiner klassische« Aufsätze die geistige und besonders die religiöse Steckt« de» Judentums jener Fett und ihr werden geschildert. Die zwei Menschenatter, die seitdem verflossen find, haben entsprechend der schndlere« Veränderung, dte unsere neue Jett kennzeichnet, — «tt der Einschränkung, mit der dies Wort von geschichttichen Erscheinungen überhaupt gebraucht verte» darf — eine Wiederholung des geistigen Prozesses gebracht, der Geigers Artikd veranlaßt hat. Die alte Ueberschrift darf heute mit voller Berechtigung wieder an die Spitze gestellt werde». Freilich ist manches erhebttch anders geworden. Fast scheint es, als fei heute nicht wie damals die Orthodoxie die Frucht und zugleich der Nährboden der Romantik, sondern als fei der Liberalismus selbst nicht sowohl von außen als in seinem eigensten Bestände durch die Romantik von einer neuartigen Reaktion bedroht. Die gesamte Geistesgeschichte der Menschheit wird bis zu einem recht hohen Grade durch den Gegensatz von verstand esmäßigem und Gefühlsmäßigem beherrscht. Rationalismus und Romantik sind die betten Extreme. In einem großen Denker des Altertums, dessen Gedankenwelt gerade neuerdings von der Forschung aufgehellt wird, tu pofibonios von Apaneea, zeigt sich nicht ihre Vermählung, sondern die Eigenart des menschlichen Geistes, die die Gegensätze und Widersprüche leicht beieiander wohne« läßt. Zwei Seelen wohnten in seiner Brust. Zn wttkücher Vttmählung des verstandesmäßigen und tes Gefühlsmäßigen, zu einem Ausgleich und Gleichgewicht ist die Menschheit nur überaus selten und dann nur für ganz tage Hwchen gelangt. Die klare und scharfe wissenschaftliche Edenntnis, schwer erarbeitet, drangt allmählich das mystische Halbdunkel zurück, dringt in weitere Kreise ein, wird popularisiert und —verflacht. Die Ergebnisse werden Gemeingut, werden selbstverständlich, von der mühseligen GedankenwLett spürt man nichts mehr, mit der Ausarbeitung der Erkenntnisse schwindet ihre Intensität, der Emst geht verloren. Das ist das Los jeder großen Idee, das Schicksal alles gewechnheitsmLßig Gewordenen. So Hst die gewaltige geistig« und wissenschaftlich« Bewegung im iS. Jahrhundert bis zur seichtesten Aufklärung verlacht, und ganz ebenso ist eine Folge des ungeheuren Aufschwungs durch Anwendung der kritischen Methode auf allen Gebieten der Wissenschaft im lg. Jahrhundert die trostlose Nüchternheit, der flache und öte Materialismus gewesen, der mit satter Selbstzufriedenheit über alles aburteitte, was nicht genau in seinen Kram paßte. Galt doch z. B. noch in meiner Studienzeit Büchners „Kraft und Stoffs geraden als die Bibel des modernen Mensche«, der auf Bildung Anspruch erheben wollte. Auf dte hellige Schrift blickte man büLSens mit einem mitleidigen Achlelrucken herab wie auf ein Märchenbuch für Kinder. Und noch ein Jahrzehnt später haben wette Kreise der GebUdeten und der Halbgebildeten auf Häckels „welträtsel" und^d essen sogen. Philosophie geschworen. Aber das war freilich schon fast der Ausklang, der Umschwung war bereits im werden. Ls ist ganz natürlich, muß aber immer wieder betont werden, daß diese öde Nüchternheit, dieser flachste Materialismus erst dann zu voller Auswirkung kam, ad der Materialismus in der Philosophie wissenschaftlich berreits überwunden war. Auf religiösem Gebiete übte diese Verödung der Seelen geradezu verheerende Wirkung aus. Auf die Aufklärungszett folgte die Romantik, und wie vor einem Jahrhundert scheinen wir wieder mit vollen Segeln in die Romantik hineinzusteuern. Gegen die öde selbstzufriedene Verflachung mußte endlich der Widerspruch mächtig Verden, das Bewußtsein gewaltig sich regen, daß die Tiefe des menschlichen Gemütes ebenso etwas Gottgegebenes ist wie die Lrkenntmsfchärfe des Verstandes, -atz die letzten wahrhetten nicht mit dem bloßen verstände erfaßt, sondern nur in ttesster Seele geahnt, nur als Forderungen der Menschenseele erkannt werden können, daß das Unendliche nicht wider die Vernunft, aber über alle Vernunft hinaus dennoch wirklich ist, daß nicht alles in ein nüchternes Rechenexempel aufgelöst werden kann, sondern daß Ln unergründlicher Liese die letzten wurzeln verborgen sind. Die Wertung des Irrationalen und seine Wiedereinsetzung in die ihm gebührende Stellung, die Vergeistigung des vergangenen, das Verständnis für fremdartig Gewordenes, Liebe für ehedem verkanntes danken wtt dieser Geistesrichtung. Aber sie birgt wett mehr als die rationale Geistesrichtung die Gefahr in sich und ist ihr kaum jemals entronnen, daß sie von Anfang an und auch in der Zeit ihrer höchsten Entfaltung meist sogar in ihren hervorragenden Vertretern zur krankhaften Romantik wird. Sie liebt das Halbdunkel, verweist gern, wo die Argumente versagen, auf das Gefühl und opfert ihm unbedenklich die Vernunft. Unterschätzung des Verstandesmäßigen — statt Herstellung des Gleichgewichts und Uebersteigerung des Irrationalen bis zur Anerkennung des vernunftwidrigen kennzeichnen die Romantik. Die Vergangenheit wird mit verklärendem Schimmer übergossen, die klare Erkenntnis -es Werdens und des Gewordenen weicht künstlerischer Geschichtskonstrucktion auf gefühlsmäßiger Grundlage — v«gl. Spengler —, der Sinn für die wittlichkeit schwindet, und die Zwillingsschwester der Romantik erhebt sich immer mächtiger, die Mystik, und in ihrem Gefolge pflegt der Aberglaube seinen Einzug zu halten. Fast immer hat die Romantik mtt ihrer Verklärung der vergangenhett die Reaktion auf allen Gebieten vorbereitet und gefördert. Seit etwa \6 Jahren hat dir dem öden Rationalismus entgegengesetzte Geistesrichtung machtvoll eingesetzt, die Kriegsmrd Aachkriegsverhaltnisse haben die schon bestehende Tendenz verstärkt. Die Gefahr besteht, daß das religiöse Leben, statt sich von den Schäden, die das Ueberwuchern des Rationalismus ihm geschlagen hat, zu «cholen, nunmehr in falsche Bahnen gedrängt wird durch die Uebertreibungen der Romantik. Der religiöse Liberalismus im Judentum hat unter der Dede des übersteigerten Rattonalismus und des Materialismus schwer gelitten. In die glutvolle religiöse Begeisterung der Einen, die eine innere und äußere Erneuerung des mittelalterlich versteinerten Judentums anstrebten, mischte sich die seelische Frostigkeit anderer, jene rationalistische seelische Leere, die als religiöser Indifferentismus in die Erscheinung trat und den Liberalismus verfälschte, diskredierte und trotz scheinbarer äußeren Erfolge lähmte. Jetzt besteht die andere Gefahr, daß in den Liberalismus Anschauungen hereingetragen werden, die durchaus nicht liberal sind, aus religiösem Empftnden heraus, das aus Widerspruch gegen die Unfruchtbarkeit jenes Rationalismus auf romantische Abwege führt. Das Bedenkllche der gegenwärtigen Situation besteht darin, daß theologisch« Kreise, die liberale Anschauungen vertteten haben, in einer Ueberbewertuns des irrattonalen Elements in dem