Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 7 (Juli 1922)
- Date
- 1922-07-01
- Page
- Seite 49 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 49 — fhM Hum Rückschritt zur VrHo-oxie das Wort geredet «erden; nichts liegt mir ferner. Aber wir werden uns bei alle« Bräuchen und Sitten des alten religiösen Lebens zu fragen haben, ob es wirklich nur dogmatische Vorschriften sind, die für uns tot sind oder ob sie nicht unabhängig davon durch den Gang der Jahrhunderte zu Trägern von Gefühlswerten geworden find, die wir in neuem Geiste uns erhalten «ollen. Daß z. B. die Speisegefetze für den modernen Menschen nur noch historisches Interesse haben, ist selbstverständlich. Der Freitag-Abend, die Seder-Feier, der Lhanukkaleuchter sind auch für uns noch notwendige Mittel, «m uns unsere Angehörigkeit zur großen Gemeinschaft des Judentums sichtbar vor Augen zu führen. Denn schließlich wollen wir doch eines nicht vergessen: mögen die Spaltungen unter uns noch so groß sein, über alle Richtungen hinweg must uns stets das Judentum als einigendes Band bewußt bleiben. Liberalen Zelotismus wollen wir den unduldsamen Alten überlassen, wir jungen Menschen wollen im orthodoxen Juden auch da, wo wir seine Anschauungen bekäinpsen müssen, den Glaubensgenossen und Brnder am Werke einer gemeinsamen Kulturausgabe sehen. Was mir vorschwebt, das hat mir einmal ein sehr kluger Mann so formuliert: Es habe eine Generation gegeben, etwa unsere Urgroßväter, die haben den Ausgleich in sich gesunden. Sie seien offen gewesen für die Kultur rings herum, aber ebenso bodenständig seien sie in der starken jüdischen Lust ihres Kaufes gewesen. Vielleicht müssen wir wieder so werden, um deutsche Inden in des Wortes vollster Bedeutung zu werden. Unser Deutschtum leben wir überall, wo wir gehen und stehen, was wir in der Religionsgenreinschaft suchen, ist die Stärkung des Jüdischen in uns. Dazu werden uns jüdisches Familienleben, jüdische Bräuche, der Klang alter Gebete, jüdische formen verhelfen, die »ms schon weit genug sind, um auch dem neuen Geist Raum zu bieten. Völlig unverständlich ist es mir, wie man da von Verantwortungslosigkeit sprechen kann. Ungeheuer ist die Verantwortung, die gerade wir tragen. Linden wir nicht den richtigen Weg zur lebenskräftigen Synthese, dann versandet das liberale Judentum im Indifferentismus oder in unfruchtbarem polittfchen Nationalismus, wir dürfen nicht in bequemes und kritikloses Uebernehmen des Alten oder in mystizistischen Dämmerschlaf zurückversinken, aber wir wollen uns auch davor hüten, wahllos alle Brücken zwischen uns und der Vergangenheit zu zerstören. Dann kann der Liberalismus der Ausgangspunkt einer jüdischen Renaissance werden, die sich von alten: Ballast befreit hat, aber den Segen eines jahrtanfeude alten Kulturlebens in neuen» Geiste weiterträgt. Beiträge zur beschichte -er Reformbewegung im öu-entum. Bon Hermann Becker-Berlin. „Wir wollet» auch auf das Leben hören, aber nicht auf den Lebensbrauch, wie er vor 300 Jahren -u Krakau gewesen. Wir wollen nicht mehr, so sehr wir it)i» ehren mögen, auf die Stimme des Moses IsserleS lauschen, wir sollen selbstänöige Moses- und und Jfraelssöhne werden uno diesen Geist in Leben und Wissenschaft ausprägen". Abraham Geiger: DaS Judentum und seine Geschichte, in 34 Vorlesungen. I. Die geistige Erneuerung des Judentums hatte drei Beweggründe: die wissenschaftliche Anerkennung des Entwicklnngsprinzips auch auf religiösen» Gebiete, 2. die Iudenemanzipation, 5. die Notwendigkeit der Assimilation des jüdischen Gastvolkes air seine Wirtsvölker. Diese drei Beweggründe wirkten indes nicht überall nacheinander, sondern häufig nebeneinander, ja oft ergab sich die eine Ursache ans der anderen, wie bei allen bedeutenden historischen Erscheinungen und Kulturbewegungen. Deshalb ist es außerordentlich schwierig, diese, inneren Zusammenhänge stets auseinander zu halten, nur! den bedeutendsten Völkerpsychologen und Philosophen ist es« möglich, ein solches Gewirr der allerfeinsten Fäden aufzulöfen.^ Diese Trennung ist aber für die Konstatierung der Tatsache^ und für den Erweis ihrer Notwendigkeit auch nicht unbedingt geboten. Uns, den Nachfahren, die sich des Erfolges er-' freuen, liegt es nur ob, den Ewigen zu preisen, „d erdi t Zeiten ändert" oder wie der Dichterphilosoph sagtZ auch für die Resorrnbewegung den Nachweis zu führen, daß« „die Geschichte die Lehrerin der Mensch-x, heit" ist. XI. In seinem Schlußworte zur 34. Vorlesung findet Abraham Geiger die nachstehenden treffenden Worte für die Entwicklung des Judentums: „Es war zuerst das Judentum des Volkslebens und hat als solches sich bewährt. Es war dann das' Judentum innerhalb der Menschheit, aber abgesondert,^ gedrückt, und hat als solches feine Schätze bewahrt. Nun wird das freie Judentum innerhalb der Menschheit zu wirken berufen, es soll mit ihr irrt innigstem»-Kontakte wahrhaft' seinen Geist entfalten, empfangend und spendend sich nun« bewähren." — Kein anderer Religionsphilosoxh, der noc^ nicht den letzten Schritt, d. i. den Eintritt in die Reform-, gemeinde, getan hat, charakterisiert die drei großen Entwicklungsperioden unserer Glaubensgemeinschaft so treffend^ wie Abraham Geiger, deshalb muß er, ebenso wie Zunz^ der gleichfalls nicht zu den Mitgliedern der Berliner Reformgemeinde gehörte, zu den geistigen Vätern der Reformbewegung gezählt werden. Der Schluß liegt nahe: wen« zwei so hervorragende Gelehrte, wie Geiger und Junz, deren^ wissenschaftliche Bedeutung auch von den Gegnern dep Reformbewegung, ja selbst in nichtjüdischen Kreisen, anerkannt wird, für diese Bewegung oingetreten sind, dann muß sie doch berechttgt und ihre Notwendigkeit erwiesen sein. Trotzdem ist die Meinung von „Autoritäten, auf die wir schwören," für unsere eigene Meinung nicht immer richtunggebend, insbesondere nicht in „Geftihlsfachen", wie der volksmund zu sagen pflegt. Allein die Religion Israels ist nicht einzig und allein Gefühls religion, sonder»» sie hat eine Ausgabe für die gesamte Menschheit zu lösen, sie bat die Menschheitskultue auf geistigem und sittlichem Gebiete zu lösen, und das kann sie nicht, ohne die Forschungen der geistigen Führer zu benutzen unddeshalb müssen wir „auf Autoritäten schwören", die sich gerade auf diesem Gebiete hervorgetan haben. Das ist ja gerade der logische Denkfehler der Orthodoxie, zun» Teile auch des sogenannten mittet, parteilichen religiösen Liberalismus, daß er immer noch die äußeren Zeichen als den sogenannten äußeren Gottes* dienst ansieht, als G e f ü h l s r e l i g i 0 ,» , die inan aus Pietät ftir die Altvorderen üben müsse, daß er sich immer »»och, genau so wie die Orthodoxie, vor dem mannhaften Entschlüsse scheut, die weltgeschichtliche Mission Israels als das Wesen der jüdischen Religion, nicht nur in Wort und Schrift, sondern, auch durch die Tat im religiösen Leben anzuerkennen. wie das geschehen kann und soll, das wollen wir in» Nachstehenden von einem Abraham Geiger, Leopold Znnz, Naxhtali Frankfurter, Leopold Stein nnd den Mitarbeitern des „Israelitischen Volkslehrer", einer bereits vergessenen Reform-Monatsschrift, von einem Gabriel Riesser lernen. III. ' Als ersten Beweggrund ftir die geistige Erneuerung des Judentums nannten wir oben: die wissenschaftliche Anerkennung des Entwicklungsprinzips auch auf religiösem Gebiete. Es soll hier nicht unsere Aufgabe sein, in der gedrängten Uebersicht aus den Stimmen aller Völker und aller Zeiten, insbesondere aber ans Bibel und Talmud, dieses Prinzip auch für die jüdische Religion zu erweisen. Das ist bereits in so großen, ausgezeichneten Werken geschehen, daß schon die bloße Nennung den uns zur Verfügung stehenden Rann» wett überschreiten würde, wir wollen vielmehr eine