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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1922-07-01 · Heft 7 (Juli 1922) · p. Seite 48

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1922
Issue
Heft 7 (Juli 1922)
Date
1922-07-01
Page
Seite 48 (sequence 4)
Language
German
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fein, sich als Glied einer Gemeinschaft Gleichstrebender zu wissen, den Zusammenhang zwischen sich und der „Menschheit" herznstellen. daraus ergibt sich ftir Diskussionen über religiöse Probleme ein bestimmter Weg. Religion als Linzelcrlebnis entzieht sich in ihrer Einmaligkeit selbstverständlich jeder kritischen Besprechung, Hier kann nur noch nahestes verstehen von Mensch zu Mensch eine Brücke schlagen, das Schauen btt Seele ist kein Gegenstand objektiver Betrachtungen. Ganz anders verhält es sich mit der zweiten Wurzel religiösen Lebens, der Zusammenfassung der Einzelnen zur Gemeinschaft. Hier liegt daß, Problem, um dessen Lösung wir immer aufs neue ringen,müssen in gemeinsamer Arbeit. Ls ist dies eine Frage, die für uns liberale Juden ganz besonders dringend ist. Denn wir sind durch unsere Ablehnung der bedingungslosen Uebernahine übernommener Einrichtungen und Gesetze mit der doppelten Verantwortung beladen. Nachdem wir den alten weg als für uns ungangbar erkannt haben, müssen wir einen neuen finden, der unserer Zeit angexaßt ist. vor allem wir jungen Menschen dürfen diese Aufgabe gar nicht schwer und bedeutungsvoll genug nehmen. Hängt es dvch von ihrer Durchführung ab, ob wir uns als Träger einer Rullurgemeinschaft fühlen dürfen oder ob wir zerstreut wie die Glieder einer zerissenen Rette bleiben müssen, wir alle find mehr auf einander angewiesen, als wir es nur oft zugeben möchten. Deshalb ist es sehr zu begrüßen, wenn in dem Artikel von Ellen Littmann eine Diskussion über die grundlegenden Probleme des liberalen Judentums in diesen Blättern angeregt und versucht worden ist, die Stellung dev Jugend zu diesen Fragen zu umreißen. Eine Fortsetzung wäre aus den verschiedensten Gründen nützlich. Als liberale Juden lehnen wir das Dogma der religiösen kehrmeinung ab und als jungen Menschen ist es uns erst recht Bedürfnis, alle Elemente unserer Lebensanschauung immer wieder aufs neue zu überprüfen, wenn wir mit unserem Erleben zu einander kommen wollen, so können wir das nur erreichen, wenn wir in offener Aussprache die große Linie zu finden suchen, die unserem Streben den gemeinsamen Stempel ausdrückt. Am leichtesten kommen wir zur Rlarheit in unserer Stellung zur Wissenschaft. Ls ist das ja das Hauptverdienst der liberalen Bewegung des vorigen Jahrhunderts gewesen, die Forderung der wissenschaftlichem Freiheit in der religiösen Forschung mit aller Schärfe erhoben zu haben. Das gilt heute natürlich ganz genau so. wir müssen verlangen, daß dieErgebnisse der Wissenschaft überall zu ihrem Recht kommen, nach der positiven und negativen Seite hin. Der Glaube an eine göttliche Gesetzesoffenbarnng gehört vergangenen Zeiten an oder Menschen, die sich durch die Mauern der Tradition vor dem Denken geschützt haben. Das kmn gar nicht scharf genug betont werden gegenüber Versuchen, das Vffenbarungsprinzip auf Hinterwegen in den L' beralismus einzufchmuggeln. — Auf der aderen Seite steht eine große positive wissenschaftliche Ausgabe: die Ausbreitung jüdischer Wissenschaft in einem ganz anderen Maße, als es bisher geschehen ist. Noch viel Arbeit ist zu verrichten, mn dem Liberalismus in: Schul- und Lehrwesen die ihm zukommende Stelle zu erringen. Dabei ist natürlich nötig, daß wir erst bei uns selber ansangen, wieviele von uns sind denn wirklich im Stande, ihren Standpunkt dem wissen unserer Zeit entsprechend zu vertreten, wir können de. von der Energie, mit der die orthodoxe Jugend auf ihre weise diesen Dingen nachgeht, viel lernen. — Genau wie diese erste unterschreiben wir auch die zweite große Forderung des alten Liberalismus; nach Ausgleich zwischen Religion und Rultur der Umwelt. Darüber brauche ich kaum viele Worte machen, wenn irgend eine Generation ihr Dcutschtnnr erlebt hat, dann sind wir das. Deutsches Land, deutsche Menschen, deutsche Rnnst, das alles ist so sehr unser innerstes Eigentum, daß wir uns Religion ohne dieses nicht vorstellcn können, wir können es nicht verleugnen, daß unser Denken und Fühlen durch deutsche Eigenart wesentlich bestimmt wird. Nur dann wird das Judentum lebenskräftig für den deutschen Juden Heden, wenn es ihyr möglich macht, sich nicht trotz sondern wegen seines Judentums auch als guter Deutscher zu fühlen. Ich brauche da auf Einzelheiten, wie die Form des Gottesdienstes, nicht näher einzugehen; sie verstehen sich für den wirklich konsequenten Liberalismus von selbst. während wir bisher den alten weg des Liberalismus gehen konnten, komme ich nun auf einen, wie ich glaube entscheidenden ssunkt, in dem wir zu anderen Ergebnissen kommen werden; dem speziftsch jüdischen Element des religiösen Lebens, was ist denn eigentlich jüdisch an unserm religiösen Leben? Ich habe mich oft bemüht, darüber im Gespräch mit Anderen Rlarheit zu erlangen. Die Antwort, die ich meist bekam, wärdie: jüdisch ist die Idee des reinen ethischen Monotheismus. Ich muß gestehen, daß mich diese Antwort nie.befriedigt hat. Erstens sind Ethik und Monotheismus Begriffe des abstrakt philosophischen Denkens, das ich als Naturwissenschaftler nicht als alleinigen Faktor der Weltanschauung anzuerkennen vermag. Zweitens führt das, konsequent durgesührt, zu einer von allen kulturellen Bedingtheiten, losgelösten abstrakten Religion, auf die sich auch ein aufgeklärter Christ verstehen würde. Die Tatsache, daß das Judentum das historische Verdienst hat, diese Idee zuerst rein ausgesprochen zu haben, kann mich mit Stolz erfüllen, aber nützt mir direkt nichts mehr. Aber wir sind doch noch in einem anderen Sinne Juden, wir bilden durch Gemeinsamkeiten des Denkens und Fühlens, des Sprechens, des Familienlebens und vieler anderer Dinge eine Einheit mit besonderer Eigenart, und unsere Religion muß der Boden werden, auf dem wir sie pflegen können, was unserer Generation fehlt, ist die jüdische Atmosphäre, wir sind da in einer prinzipiell anderen Lage als unsere Väter, die mehr oder minder traditionell erzogen worden sind. Für sie bedeuteten die Forderungen nach Wissenschaft und Deutschtum den notwendigen Ausgleich gegenüber dem Jüdischen, das ihnen so selbstverständlich war, daß sie seine Bedeutung unterschätzten. Uns geht es umgekehrt, was wir kräftigen müssen, ist das Jüdische in uns. Nachdem der Liberalismus der Forderung des Denkens Raum gegeben hat, muß er nun wieder das Irrationale in seiner ganzen Bedeutung erkennen. Unsere Generation erlebt als Reaktion auf den Rationalismus der letzten Jahrzehnte ein mächtiges Aufblühen des reinen Gefühlslebens in jüdischen Dingen, warum wenden sich denn soviele von uns dem Zionismus zu? Sie möchten ein Zentrum für das lebendige Judentum in sich finden und glauben, es in der Verstandeskälte einer reinen „Denkreligion" nicht finden zu können. So geht dem religiösen Judentum wertvollstes Menschenmaterial verloren. Denn diese Menschen sind doch im Deutschtum viel zu tief verwurzelt, um ini Zionismus, der den ganzen Menschen . fordert, etwas anderes sein zu können, als unwillkommene Mitläufer. Hier erwächst dem Liberalismus eine große Ausgabe: dafür zn sorgen, daß diese Menschen — und es sind nicht die schlechtesten unter uns — mit ihrerBegeisterungssähigkeit für jüdische Eigenart in Denken und Fühlen dem religiösen Judentum und damit — dem Deutschtum erhalten bleiben. Ich sprach zu Beginn von den zwei Quellen der Religion im Einzel- und im Gemeinschaftserlebnis. Man hat dem Inhalt des Einzelerlebens die Form des Gemeindelebens entgegen gestellt und hat geglaubt, in der Fern, nur eine historische Tatsache sehen zu brauchen, die den Ansprüchen des Verstandes zu genügen hat. Hier scheint mir ein schwerer Fehler vorznliegen. Es ist gerade das Eigentümliche der religiösen Form, daß sie die Vermittlerin von Gefühlswerten ist, die durch nichts anderes zu ersetzen sind. Erst in der Form findet das vereinzelte Denken und Fühlen seinen sichtbaren Ausdruck, in der religiösen Fornr erlebt sich der Einzel,nensch als Angehöriger einer Gemeinschaft. Ich glaube, daß diese Bedeutung der Formen der religiösen Gemeinde und des Familienlebens im Liberalismus nicht genügend gewürdigt worden ist. Man verstehe mich richtig« Es soll hier nicht

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