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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1922-07-01 · Heft 7 (Juli 1922) · p. Seite 47

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1922
Issue
Heft 7 (Juli 1922)
Date
1922-07-01
Page
Seite 47 (sequence 3)
Language
German
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V geredet, wollen wir tun" lehrt, lediglich aus Ehrfurcht vor Gott, der eben zu ihnen sprach. Die israelitische und alle anderen Kulturgemeinschaften, welche den Vekalog von erstern übernommen, werden in jedem neuen Geschlechte immer erst durch die Erfahrungen, die sie bei Beobachtung oder Verletzung dieser heiligsten Menschenpflichten machen, zu der Erkenntnis ihres hohen wertes für den Bestand der menschlichen Gesellschaft gebracht. Es liegt uns fern, die „Richtlinien" der liberalen Rabbine? mit dem Zehnwort zu vergleichen, und doch muß eins auch für sie beansprucht werden, die Bereitschaft, ihren wert für das religiöse Leben durch den versuch, es darnach zu gestalten, zu erproben und erkennen zu wollen. Immerhin dürfte dabei auch in Betracht gezogen werden, daß sie das Werk von etwa 60 sich ihrer Verantwortung voll bewußten Rabbinern, von religiösen Führern des liberalen Judentums darstellen. Mehr denn je sollten daher unsere Jugendvereine sich der „Richtlinien" airnehmen, ihre Forderungen im religiösen Leben der Gemeinde, des Vereins und des einzelnen durchzuführen suchen und sich selbst auf Grund ihrer Erfahrungen, die sie mit ihnen an sich machen, über deren wert Rechenschaft geben, sich darüber klar werden, ob oder inwieweit es für die jüdischliberale Bewegung unserer Zeit notwendig, sei, sie abzuändern. Auf der nächsten Tagung der „Arbeitsgemeinschaft" mögen die einzelnen Vereine ihre Erfahrungen mit den „Richtlinien" auslauschen und eine Verständigung über ihren wert für die Stärkung und Ausbreitung des liberalen Judentums herbeiführen; sie mögen sich dann die „Richtlinien" schäften, von denen sie überzeugt sind, daß sie noch besser die Probe im Leben bestehen werden, und mögen auf sie ihre künftige Tätigkeit einstellen. Wer solches anregt und der jüdisch-liberalen Jugend anrät, der will nicht dem Streben nach Verwirklichung des prophetischen Judentums Hindernisse in den weg legen, sondern im Gegenteil ihm den weg ebnen. Denn dieses protestiert nur gegen eine Veräußerlichung der Religion, die in der ausschließlichen Beachtung und Uebung des Gesetzes, des Kultus liegt, es läßt aber die Formen und Bräuche als Mittel zur Stärkung des religiösen Empfindens wohl gelten. Möge die jüdischliberale Jugend einmal den hier gezeichneten weg betreten und gehen! - - Me Laien. Von Lo Noda. wer sind wir Laien, wer? Nun, wir sind die Menge der Juden, die wie pirsche an Wasserbächen lechzen nach der erlösenden, befreienden Formel, die uns ein jüdisches Leben „ohne Sünde" vergönnt. Aber siehe, niemand ist, der unsem Wissensdurst löscht, keiner, der unfern junger stillt: es fehlt ihnen, den Gütern und Führern des liberalen Judentums, selbst am Nötigsten. Wohl streiten sie sich im engsten Kreise, unter sich und in den uns zugänglichen Wochen- und Zeitschriften um den echten Ring —sie finden ihn nicht, vielleicht weil sie nicht wollen, vielleicht weil sie nicht können. Vielleicht fürchten sie sich. Ja, vor wem, wovor? vor der Verletzung des Schulchan aruch, wie einer, der da meinte, wenn der fiele, bliebe nur das Strafgesetzbuch! So übt also dieses mystische Buch, das ein Unglück für alle Juden ist, feine geheimnisvolle, unselige Kraft bis in unsere Tage, bis in unserer Führer Köpfe und Kerzen, die Klügeres, Besseres „erzeugen" könnten. Die aber nichts erzeugen, Positives zu schäften vermögen, weil sie die Heilswahrheiten des Schulchan aruch als: „Tauro min haschomajim“ ansehen oder wieder ansehen, weil sie nicht einreißen, um anfzubauen, sondern aufzubauen glauben und — einreißen. Linreißen, das so vielverheißend begonnene Werk des liberalen Judentums! Aufbauen mit dem Setzen von übertünchten Teilen des alten Mauerwerks an die gleiche Stelle, wenn wir uns so unsere jungen Führer der Reihe nach bei Licht besehen, so befällt uns ein ironisches, trauriges Lächeln über die Rückwärtsentwicklung, der sie verfallen find. So haben 47 — wir schon seit langem erkannt, wie der eine allmählich aus Furcht vor dem eigenen Mute in§" konservative Fahrwasser geraten, wie-ein anderer bedeutet, man .müsse sich unbedingt unter „<8ott" etwas vorstellen („Gottes Thron einfchreiben ins Buch des Lebens"). (Eine Ungeheuerlichkeit, die nur entschuldigt werden kann mit der „Ratlosigkeit" des Autors.) Und ein anderer lobt die „Bräuche" in allen Tonarten, und stellt sie an die Seite der Gesetze, als ob wir nicht genug hätten an der Verstiegenheit des Satzes: der Minhag haraokaum (Drtsbrauch) gehe noch über den „din". wohin, wohin segeln unsere Führer? Ins Uferlose? Soll unsere Bewegung zum Stillstand kommen? Ist kein Mann da, was waren doch die Alten (Geiger, Holdheim, Philippsohn) ftir Männer der Tat!, der uns erlöst aus der Knechtschaft der Gefangenen? der gefangenen Führer? Die es nicht wagen, offen und ehrlich sich einzugestehen, das wir Laien sattgefüttert sind mit den mannigfaltigen unverständlichen Lehren vom Wesen des liberalen Judentums; die nicht eingestehen, daß es an der Zeit wäre, über die Theorie der Richtlinien hinauszugehen, vom Himmel endlich auf die Erde zu kommen? Die uns endlich sagen: dies und das dürft ihr tun ohne zu „sündigen", dürft ihr tun und bleibt doch Juden?! Das wäre eipe positive Tat, die uns Laien mit neuer Liebe für unser Judentum erfüllte, die uns wieder unser Judentum freudig leben ließe, ohne den Druck des Goluth zu empfinden, ohne belastet einherzugehen mit dem bösen Gewissen gegen den Gott der Orthodoxie und der „gemäßigt-Liberalen": „den Schulchan aruch", zu sündigen! So lange unsere Führer sich nicht zu dieser Tai aufiaften, so lange sie zögern, uns klipp und klar die Wahrheit zu sagen, ehe sie nicht sagen: Ihr seid Juden, auch wenn ihr kein Arba kanfauss traget, wenn ihr nicht (Schulchan aruch) zuerst den linken, dann den rechten Schuh anzieht; ihr seid Juden, wenn ihr auch am Sabbat die elekttische Klingel in Bewegung setzt, den elektrischen Lichtschalter berührt, die elektrische Bahn - benutzt, den Regenschirm, das Taschentuch und den Spazierstock (Mukzoh) traget, wenn ihr „schreibet" (boribile dictu); ihr seid Juden, wenn ihr keine Kappora umfchlaget, kein Taschlich macht; ihr seid Juden, auch wenn ihr euch erkühnt, ein Butterbrot mit Fleischbelag zu essen; ihr seid Juden, auch wenn ihr der Erddie Feuerbestattung vorzieht; es ist keine Sünde, aus Joelscffem oder vogelsteinschem Gebetbuch zu beten! Ehe unsere Führer uns nicht vom Alp befielen, können wir Laien kein rechtes Vertrauen mehr zu ihnen haben, wir lernten einsehen, daß sie selbst nicht wissen, was sie wollen und können; sind doch ihre ZusammenMnfte verlaufen wie das Hornberger Schießen, hat doch einer über den andern gewacht, daß er chass wescholaum nicht zu weit sich vorwagte; hat man doch einige murvolle, die Wahrheit über alles liebende Linksliberale mundtot zu machen sich beflissen gesehen. Sollen wir Laien uns selbst helfen? Sollen wir über unsere Führer hinauswachsen; sollen wirr „ihre Führer" sein, „wir Laien"? Nun, dann packen wir den Stier bei den Körnern und erklären: das Wesen des Judentums das ist es ja, was uns — milde gesagt — in zwei Lager teilt. Und wenn das liberale Judentum bekennt: „Moses Lehre ist nicht für alle Zeiten verbindlich, so gottvoll sie in ihrem Kern auch ist, dann haben die Führer des liberalen Judentums auch die Konsequenzen zu ziehen, und schriftliche wie mündliche Lehre sinngemäß und zeitgemäß zu behandeln. Das ist der springende Punkt, um den unsere Führer nicht herumkommen, hier heißt es Farbe bekennen: zum Segen für alle „Laien"." övgea- und liberales äuteatum. Von cand. wsä. Friedrich Brodnitz-Berttn. Religion ist ein Bindeglied zwischen zwei Schichten menschlichen Daseins, zwischen dem tief-innerlichen Erleben des Einzelnen in seiner Besondertheit und dem geistigen Leben der Gesamtheit. Je reicher und tiefer das Fühlen eines Menschen ist, desto stärker wird in ihm die Sehnsucht

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