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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1922-07-01 · Heft 7 (Juli 1922) · p. Seite 46

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1922
Issue
Heft 7 (Juli 1922)
Date
1922-07-01
Page
Seite 46 (sequence 2)
Language
German
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— 46 Das Recht des einzelnen auf das ihm eigene Denken nn- Empfinden im Bereiche der > Religion soll gewiß nicht bestritten werden, und es kann niemandem vermehrt «erden, von seinem subjektiv -ie Dinge beurteilenden Standpunkte aus zur Theologie, zur Ethik oder zum Gesetz des Judentums Stellung zu nehmen und sich eine ganz persönliche Auffassung darüber zu bilden. Es ist aber Irrtum, sich selbst oder einen anderen auf Grund dessen für einen liberalen Juden zu halten. Genau so wenig, wie jemand, der durch -ie Zufälligkeit -er Geburt der jüdischen Gemeinschaft angehort, dadurch ein religiöser Jude wird, kann derjenige, welcher sich"le-iglich mit seiner zufälligen geistigen und seelischen Geartung sein Judentum schafft, als ein liberaler Jude gelten. Das Judentum ist nun einmal eine überlieferte, historisch gewordene Religion, die sich in bestimmten Anschauungen und Formen uns darbietet und gegenübertritt und von sich aus den Einspruch aus Anerkennung stellt. Und im Judentum gehören Theologie, Ethik und Gesetz anfs engste zusammen, bilden eine organische Einheit, sodaß niemand willkürlich den einen Bestandteil herausnehmen, für sich als verbindlich anerkennen, den anderen hingegen ablehnen oder seinem Geschmacke entsprechend abändern kann, wer daher ein liberaler Jude wirklich und wahrhaftig sein will, -hat die pflicfjt, seinen Subjektivismus, einzuschränken, zu dem er besonders stark hinneigt, sich geistig und seelisch auf das von außen her zunächst sich ihm darbietende Judentum einzustellen. Er braucht und soll das Prinzip der Entwicklung für die Religion keineswegs aufgeben, aber er darf ebensowenig die charakteristischen die eigenartigen Züge der jüdischen Religion und Gemeinschaft einem eigenen oder dem Zeitgeiste opfern, vielmehr ist es seine Aufgabe sie zu pflegen, und darum kann er auch zu Forderungen, zum mindesten zu denen, die in den „Richtlinien" als „unerläßlich" für das religiöse Leben des einzelnen bezeichnet sind, nur in der weise Stellung nehmen, daß er sich bemüht, sie zu erfüllen. Völlig zu Unrecht schreibt Frl. Ellen Littmann in Nr. 5 der „Mitteilungen" die Erfolglosigkeit der „Richtlinien" für die liberale Allgemeinheit dem Umstande zu, daß diese „der Methode nach Geist vom Schulchan Aruch" seien. Sollten diese überhaupt den Zusammenhang mit dem geschichtlichen Judentum und dessen Charakter wahren und Richtlinien für Juden sein, dann mußte das Zeremonialgefetz berücksichtigt und bestimmte Forderungen desselben müßten, in der bisherigen oder in einer neuen Form, als verbindlich hingestellt werden. Die Schuld an der Erfolglosigkeit der „Richtlinien" trifft jedoch diejenigen, von denen eine freiwillige Anerkennung dieses Mindestmaßes von Forderungen erwartet wurde, d. i. „-ie liberale Allgemeinheit". Unsere liberalen Juden in ihrer überwiegenden Mehrheit hatten bisher völlig ftei von religiösen Bindungen dahingelebt und empfanden nunmehr diesen einem orthodoxen Juden als sehr bescheiden vorkommenden Anspruch -er „Richtlinien" auf Beachtung im täglichen Leben als einen drückenden Zwang, den sie neben anderen Gründen auch mit obiger Begründung ablehnen zu müssen glaubten. Das liberale Judentum macht in der Gegenwart eine ernste Krise durch. Bisher gültige Auffassungen über das Wesen des Judentums und des Liberalismus in ihm haben schwer zu ringen mit neuen Ansichten, -ie sich durchsetzen wollen. Line Klärung und Verständigung wird gewiß nicht sobald erzielt werden. Die Organisation des liberalen Judentums, die „Vereinigung" kann infolgedessen nur schwer eine wirksame Propaganda ausüben; weder kann sie bei dem Versuche, neue Mitglieder zu gewinnen, die bisherigen „Richtlinien" als maßgebend für ihre Aufgaben, ihre Wege und Ziele bezeichnen, noch wird sie selbst ihr Organ die „Indisch-liberale Zeitung", in der jetzt der Kampf der Meinungen tobt, geeignet finden, suchenden und ringenden jüdischen Menschen, die nach einem sicheren Halt verlangen, zur Ruhe zu verhelfen. Bei der heute zutage tretenden starken Neigung besonders unter den jungen Juden, sich von der Assimilaiionssucht freizumachen. sich auf sich selber zu besinnen und jüdische Eigenart, jüdisches Kulturgutzu pflegen, liegt es' auf der daß diejenigen Parteien, die kraft ihres Programms, kraft ihrer positiv jüdischen Arbeit die stärkste Anziehungskraft ausÄben, ich meine Orthodoxie und Zionismus, wachsen und die liberale Richtung in den Hintergrund drängen, will das liberale Judentum sich ihnen gegenüber behaupten und zukunstskräftig bleiben, dann ist es an der Zeit, daß es sich selbst wiederftndet und dem einzelnen sich^suchenden und irrenden Menschen die Wege genau angibt, die ihm für die^Lrreichung des allen Richtungen gemeinsamen Zieles, für das Ziel der Erhaltung des Judentums, geeignet erscheinen. In irgend einer Form müssen daher die „Richtlinien" wieder aufleben und noch bestimmter als dis alten von dem einzelnen die Durchführung ihrer Forderungen für sein religiöses Leben verlangen, und die Organisation des liberalen Judentums hat dafür Sorge zu tragen, daß ihnen kn den liberalen Gemeinden, wie bet den einzelnen liberalen Juden gewissenhafte Beobachtung zuteil wird. Auf diesem Wege ist ihr in den letzten Jahren zweifellos die Organisation der jüdisch-liberalen Jugendvereine, die „Arbeitsgemeinschaft" und die einzelnen Vereine vorangegangen. Die Jugendbewegung hat den Stillstand des Alters mit vollstem Recht verurteilt, und in einer ununterbrochen anhaltenden, vielseitigen Tätigkeit sucht sie die Ausgaben des liberalen Judentums, auf die sie die „Richtlinien" Hinweisen, zu losen. Sie ist auf dem richtigen Wege, wenn sie erkannt hat und erkennt, „lau hamidroscb ikkor, elo hamaasseh“, daß „das Lernen nicht die Haüxtfache, nicht Selbstzweck ist, sondern die Tat." Ls genügt nicht, das soll damit gesagt sein, eine Welt- und Lebensanschauung nur in der Theorie kennen zu lernen, so notwendig dies auch sein mag, sondern es muß auch versucht werden, sie in der Wirklichkeit zu bewähren in religiöser und sittlicher Beziehung. Es genügt darum nicht, einen jungen Menschen, durch Vorträge über die jüdische Religion, Geschichte und Literatur, über Zeit- und Ewigkeitsftagen, (jüdisch zu interessieren) durch Kurse und Diskusstonsabende und ihn zu weiterer persönlicher Beschäftigung damit anzu regen; es bedeutet schon ein Fortschreiten zur Tat, wenn ihm Gelegenheit geboten wird, zu einem Thema persönlich seine Meinung zu äußern, wenn er dazu veranlaßt wird, selbsts einen vorttag oder ein Referat auszuarbeiten und möglichst ftei zu halten. Darüber hinaus aber gilt es als Jude zu leben, und das heißt natürlich vor allem gemäß den Lehren und Forderungen der jüdischen Ethik, aber das heißt es nicht allein. Als Jude leben bedeutet auch die noch heute unerläßlichen Pflichten der Religionsübung erfüllen. Und auch dazu soll die „Arbeitsgemeinschaft" die einzelnen Jugendvereine und diese wieder jedes einzelne Mitglied — zum Teil geschieht es wohl auch — anhalten. Sie sollen nicht blos den Boden bilden, auf dem der junge Mensch mit sich und anderen ringt um Gott und all die anderen Probleme der Religion, sondern auch einen Boden, auf dem statt des Kämpfens und Ringens Ruhe und Erholung gewährt, Sicherheit und Ueberzeugtheit im Glauben an Gott, der Wllle zu einem Leben in jüdischem Geist und nach jüdischer Form bekundet wird, wir denken dabei an die regelmäßige Feier von Freitagabenden, die mit der --Zeremonie des Kiddusch eingeleitet, mit dem Tischgebet beschlossen werden muß, an die Sederabende mit ihren sinnigen Bräuchen usrv., wir denken an manche Vorschriften und Formen, die noch heute wertvoll ftir unser religiöses Empfinden sein können, mit denen man sich vertraut machen müßte, um sie zur bestimmten Zeit anzuwenden. wir feierten letzthin wieder das Fest unserer Gesetzgebung. Jene zehn Gebote, die abgesehen von dem ersten, das diese Form nicht hat, mit dem kategorischen „Du sollst" beginnen, sind ebenfalls „Richtlinien" ftir einen religiösen und sittlich guten Lebenswandel, welche von den Israeliten, denen sie verkündet wurden, nicht erst nach gewissenhafter Prüfung und aus innerer Aeberzeugung heraus anerkannt wurden, sondern wie ihre Antwort „alles, was der Ewige

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