Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 7 (Juli 1922)
- Date
- 1922-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands. Nr 7 _3ttU 1922 _4. Jahrgang J«haltr Richtlinien, von Rabbiner Vr. D. Rellhaus-Stettin. - Wir Laten, von L» Roda. - Jugend und liberale» Judentum, von cand. med. Friedrich Brodnltz-Berltn. - Beltrilge zur Geschichte der Reformbewe-ung im Judentum, öon Hermann Becker-Berlin. - Schrifttum und Literatur, von Rodert Hieschfeld Berlin. - Worte des Gedenken», von Sllen Littmann, Berlin. - Spender-Liste. - Dereinsadressen.• Jüdische Weltanschauungsstagen .Richtlinien'. Von Rabbiner Dr. D. NellhauS-Stettin. Die „Richtlinien zu einem programn, für das liberale Judentum" feiern.in diesem Jahre das Jubiläum ihres zehnjährigen Bestehens. Zlin 28. Mai \^\2 legte Rabb. Dr. Seligmann der Versammlung der liberalen Rabbiner Deutschlands den Entwurf von „Richtlinien*' vor, und eine weitere Rabbmerversammlung nahm am 2. September desselben Jahres die „Richtlinien" in ihrer endgültigen Fassung einstimmig an. von diesem Tage, an dem dieses „geschichtliche Dokument" fertig gestellt und von über 60 Rabbmern unterzeichnet wurde, hoffte man/ daß er einst „ein großer geschichtlicher Tag für das Judentum" fein werde. Und in dieser Hoffnung mußten die Unterzeichner noch bestärkt werden, als bald darauf die „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" die „Richtlinien" als eine „bedeutsame Tal" für den religiösen Liberalismus begrüßte, als „geeignete Grundlage ihrer Arbeit" erachtete und versprach, „hiernach ihre Tätigkeit kraftvoll zu entfalten". Auch die damals schon organisierte, wenn auch noch wenig mitsprechende, jüdische liberale Jugend stimmte den „Richtlinien" zu. Dies in großen Zügen die Ansangsgeschichte der „Richtlinien", die jeden an einer religiösen Erneuerung interessierten liberalen Juden erfreuen könnte. Denn die erwähnten Vorgänge bildeten einen erhebende,;, vielversprechenden Auftakt zu dem großen Werke, das nunmehr in der Folgezeit an der jüdischen Gemeinschaft vollbracht werden sollte. Aber als die „Richtlinien" jetzt ihren weg in die jüdische Oefsentlichkeit nahmen, da begann ihre Leidensgeschichte. . von Seiten der orthodoxen, der konserativen und der Mittelpartei erhob sich gegen sie ein Sturm von Protesten; in Wort und Schrift wurden sie als mit dem tiberlieferten Judentum in; Widerspruch stehend verurteilt. Aber aus solche Begrüßung und Behandlung von gegnerischer Seite mußten sie schließlich gefaßt sein. Sie waren ja für die liberalen Juden bestimmt, und wenn sie bei diesen freundliche Ausnahme fanden, und wenn es ihnen darüber hinaus gelang, religiös indifferente Kreise, die sich liberal nennen, dem Judentum zurück;ugewinnen, dann konnten sie einen Erfolg verzeichnen, der alle Anfeindungen wett machte. Statt dessen aber wurde den „Richtlinien" im eigenen Lager ein Empfang zuteil, der noch viel betrübender und schlimmer war als ihre Ablehnung seitens der Gegner. Mit dem Ausdruck „kühl" ist die Aufnahme, welche die sogen, liberalen Juden ihnen bereiteten, noch gelinde bezeichnet. Es erging ihnen darüber hinaus so, daß nran sie, ohne sich erst über ihre Brauchbarkeit für die Gestaltung des religiösen Lebens Rechenschaft zu geben, unbeachtet ließ, wenn nicht gar verwarf. Am ehesten schienen noch die jüdisch-liberalen Jugendvereine von ihnen für ihre Tätigkeit Notiz zu nehmen. Die mit den „Richtlinien" erlebten Enttäuschungen haben es offenbar mkt verschuldet, wenn man bisher die Ausarbeitung eines „programn,; für das liberale Judentum" unterließ, für welches ja die ersteren, es,nit ihren, vollen Namen bereits ankündigend, nur die leitenden Gedanken und Prinzipien, nur die \5 Punkte in knapper Forn, angaben. Doch noch meht. Auf den im Januar dieses Jahres in Berlin veranstalteten Tagungen der liberalen Rabbiner, der Vereinigung für das liberale Iudentuu, und der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine war von den „Richtlinien" kaum noch die Rede. Für die Versammlung der liberalen Rabbiner waren drei Referate aus die Tagesordnung gesetzt, von denen die ersten beiden über „religiöse Erneuerung" und „subjektiven und objektiven Liberalisinus" sich nicht mehr mit den „Richtlinien" befaßten, jedoch gehalten wurden, während das dritte Referat über „die wissenschaftliche Begründung der Richtlinien" unter den Tisch fiel. Solch bitteres kos, wie es den vor lv Jahren vielgepriesenen „Richtlinien" beschieden war, gibt uns allen zu denken, wie sollen wir uns dieses Schicksal erklären? Im Kreise der liberalen Rabbiner scheinen sich die „Richtlinien" überlebt zu haben. Gerade Männer, die unter ihnen als Führer gelten, haben sich von ihnen abgekehrt und in ihren Gemeinden gewiß nur wenig für deren Verbreitung getan. And in Laienkreisen, selbst in denen, die von einem anders gearteten Einfluß ihres religiösen Führers unberührt blieben, blieb den „Richtlinien" vor allem deshalb die Anerkennung versagt, weil eine Verpflichtung hierzu niemandem anferlegt werden konnte und sollte. In der auf der Posener Versammlung gefaßten Resolution überließ es ja geradezu die „vereinigung für das liberale Judentum" der gewissenhaften Ueberzengung ihrer Mitglieder, wie sie sich zu den das religiöse Leben des einzelnen betreffenden Forderungen, die nach Ansicht der liberalen Rabbiner als „unerläßlich" gelten, stellen wollten. Die „Vereinigung" täuschte sich hierbei offensichtlich über den Grad der Urteilsfähigkeit und des Verantwortlichkeitsgefühls, den sie bei ihren Mitgliedern höher einschätzte, als es sich von Laien, die doch für die Beftimnmng jüdischreligiöser Grundsätze und Ausgaben an, wenigsten spruchbefugt sind, erwarten läßt. Die „Vereinigung der liberalen Rabbiner" wiederum irrte sich in der Annahme, daß der in den „Richtlinien" versuchte Ausgleich der überlieferten Religion mit dem Denken und Fühlen und den Lebensmöglichkeiten unserer Zeit die „religiöse Teilnahmslosigkeit" vieler liberalen Juden „überwinden", sie dem Judentum wieder näherbringen würde. Das Opfer des Religionsgesetzes, das diesem Ausgleich, das den unbeständigen Zeitanschauungen und -Verhältnissen, den Ansprüchen moderner Juden auf eine zeitgemäße Lebensführung gebracht werden sollte, war umsonst gebracht. Und u,an darf sagen, wenn die seitens der liberalen Rabbiner geübte Rücksichtnahme aus das Denken und Empfinden des einzelnen, die dem Wesen des Liberalisinus nach geboten war, wenn deren Nachgiebigkeit und Weitherzigkeit, wo es die Erfordernisse der Zeit zu berücksichtigen galt, von der Gegenseite wenig oder garnicht gewürdigt werden, wenn sich die liberalen Juden nicht auch ihrerseits ernsthaft entschließen können, den Standpunkt der Gleichgültigkeit, der Bequemlichkeit oder des schrankenlosen Subjektivismus in religiösen Dingen aufzugeben, dann wird dieser Zustand zu einem Krebsschaden, zu einem 1 Verhängnis für die ganze jüdisch-liberale Bewegung werden.