Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 6 (Juni 1922)
- Date
- 1922-06-01
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 4L — Venn mm brauchten wir nicht» zu verheimliche«. Man verachtete uns nicht, wenn man die Wahrheit bekannte, wenn der Mund das verkündete, was das £)«$ erfüllte. Jetzt war man mit Freuden Jude und stolz auf fein Judentum. Vas schleichende Judentum war zu einem von sprudelndem Leben erfüllten geworden, zu einem Judentum, das auf innerer Wahrhaftigkeit beruht. Aber noch immer sind nicht alle Schlacken, die uns von der Vergangenheit anhaften, beseitigt. Ls gibt noch viel zu tun, was die innere Wahrhaftigkeit von uns fordert. Das tägliche Leben bietet uns zahlreiche Beispiele hierfür. Sehen wir nicht, daß noch immer unzählige unserer Freunde, allerdings oftmals unbewußt, nur Lippenwerk verrichten. Ich erinnere an die Gebete, die in jeder' Andacht Vorkommen. Im Achtzehngebet wird der Wunsch geäußert, daß die alte Zeit mit ihren Opfern wiederkehren möge oder der Wunsch nach Jerusalem zurückzukehren, wenn man dann die Frage stellt, ob diese Sehnsucht wirküch vorhanden sei, dann kommt mit fast wenigen Ausnahmen die Antwort, daß keiner sich seiner Worte bewußt war. Lippenwerk 11 Vas muß aufhSren, oder die Wahrhaftigkeit hört auf. . . . Nun ein Wort an uns, die Jugend! Man will uns noch immer nicht unsere innere Wahrhaftigkeit gönnen. Ja, von verschiedenen Seilen bekämpft man uns ihretwegen, wie dem auch sei, für uns ist ein Judentum ohne sie nicht denkbar. Schreibt uns denn unser Judentum nicht vor (Baba mezia 49a): »Dein Ja sei wahr und Dein Rein sei wahr, daß nicht Anderes im Munde und Anderes im Kerzen sei.* — Handeln wir danach. Kämpfen wir um unsere innere Wahrhaftigkeit, dann kämpfen wir auch um unseren Glauben, ttm unser Judentum! — Schrifttum und Literatur flus Bibel und Schrifttum. Vorbemerkung; Aus den Kreisen unserer Breslauer Freunde ist der Wunsch cm mich gerichtet worden, in einer Reihe von Aussätze« die Bibel in ihrer Reihenfolge nach wissenschaftlichen Grundsätze« zu bespreche«, sodaß aus diesen Aufsätzen einmal ein Buch werden könnte. Ich bin mir der Schwere dieser Aufgabe vollständig bewußt, denn wenn ich mich auch seit einem Menschenalter mit dem einschlägigen Stoff beschäftige, und ich mir auch, soweit man es diesen Dingen gegenüber überhaupt tu» kann, ein Urtell gebildet habe, so weiß ich doch, daß die Aufgabe, gewissermaßen einen Bibelkommentar zu schaffen, für einen einzelnen fast undurchführbar ist. Wenn ich trotzdem den Versuch unternehme, so geschieht es in dem vollen Bewußtsein, daß ich nur Unzulängliches schaffen kann, daß ich aber de« festen willen habe, dem Kreise, für den diese Blätter bestimmt sind, Anregungen zur eigenen Weiterarbeit zu gebe«. Ich werde es vermeiden, einen weitschichtige» wissenschaftlichen Apparat vorzuführen, sondern mich auf die Darstellung der Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung beschränken. Wer sich über das, in den folgenden Aufsätzen zu Bietende näher nnterrichten will, sei auf folgendes verwiesen. Vor allen Dingen bemühe er sich, den hebräischen Text der Bibel genau kennen zu lernen, er versuche, mit Hilfe guter Wörterbücher (König, Gesenius, Fürst), sich selbst eine Uebersetzung zu schaffen und benutze daneben auch ältere und neuere Uebersetzungen, und vergesse dabei die jüdischen nicht. (Iunz, Philixsohn, Fürst, Auerbach, Kautzsch, Handkomnrentar von Nowak, Randglossen zur Hebräischen Bibel von Ehrlich). Wer dazu imstande ist, lese die alten jüdischen Bibelerklärer Rasch i und Jbn Esra. Und nun noch eine Bitte an die Leser: Sagen Sie mir jederzeit aufrichtig und uneingeschränkt Ihre Meinung, stellen Sie Frage« und machen Sie mich <mf Fehlende» aufmerksam. * Zur Einleitung verweise ich auf die Aussätze in Nr. 10, \2t 1920; 2, 3, 4 und 7, \^2\, der Jlt-Mitteilungen. Hier noch einige Bemerkungen über die Geschichte der alttestamentlichen Forschung. Im Talmud wird die Ansicht vertreten, daß der Pentateuch oder, wie er hebräisch genannt wird, die Thora durch göttliche Jnspiratton Mose offenbart sei und von ihm niedergeschrieben sei. Zweifel setzt man nur in den Ursprung der letzten acht Verse, die vom Tode Moses sprechen. Bet de« mittelaltettichen Erklärer«, besonders bet Jb« Esra wird die Frage, ob Mose de« ganzen Pentateuch geschrieben habe, mtt einigem Zweifel und Mißtrauen behandelt, aber weder die jüdischen noch die christlichen Erklärer wagten es, gegen die althergebrachte Meinung etwas auszuspreche«, die auch von der Kirche angenommen war. Im *8. Jahrhundert kam der ftanzösische Arzt Astruc bei dem versuch, die Autorschaft Moses nachzuweisen, oder, wie man auch zu sagen pflegt, die Autentie des Pentateuch zu erweisen, zu der Entdeckung, daß dieser aus verschiedenen Quellenschriften bestehe. Die weitere Durcharbeitung dieser Entdeckung führte dazu, daß man zu der heute als durchaus gesichert geltenden Anschauung kam, daß Astruc im Prinzip da» Richtige erkannt hatte. Ueber den Aufbau, das Alter und den Zusammenhang der einzelnen QueQen gehen zwar die Ansichten der Forscher oft auseinander, aber die grundlegende« Tatsache» sind heute in allen wissenschaftliche« Kreise« anerkannt. Daß man sich in orthodoxen Kreise» gegen die Anerkennung dieser Anschauung sträubt, ist begreiflich, aber nach unserer Auffassung wird das Ansehe» der Bibel durch solche Entdeckungen durchaus nicht herabgesetzt, wir glaube« vielmehr, daß es ein viel größeres verdienst unserer Glaubensgemeinschaft ist, daß in ihrer Mitte gottbegnadete Männer gelebt habe«, die ein solches Werk geschaffen habe«, das fett Jahrtausende» so vielen Mensche« in alle« Lage« ihres Lebens helfend zur Seite gestanden hat. Die Bibel wird nach alter Sitte, die wir bis ins dritte vorchristliche Jahrhundert verfolge» können, in drei große Teile zerlegt: Lehre, Propheten und Schriften. Wir wolle« zunächst über den ersten Teil, die Lehre, sprechen. Die Thora, die Lehre oder das Gesetz, wird im Hebräische« die » Fünftel der Thora (Lhamischo, LH ums che Thora) genannt. Hieraus ist die griechische Bezeichnung Pentateuch, gleich Fünfbuch, und die bÄi de« Juden «och jetzt ülüiche Bezeichnung Lhummisch entstanden. Die fünf Teile werden im Hebräischen nach den ersten bezw. erste« bedeutsamen Worten des Testes benannt: Bereschis, Schema«, wajikro, Bemidbar, Deworim. Die Bezeichnungen der griechisch-lateinischen Uebersetzungen schließen sich mehr an den Inhalt an: Genesis, gleich Entstehung, d. h. der Welt oder des Volkes Israel, Exodus, gleich der Auszug, Levktteus, gleich Priestergesetze, Numeri, gleich Zahlen, d. h. des Volles, Deuteronomium, gleich zweites Gesetz, well es scheinbar eine Wiederholung der Gesetze des Exodus enthält. Die Einteilung in Kapitel und Verse ist verhältnismäßig jungen Ursprungs, im Kultus wird die Thora in 59 Wochenabschnitte getellt, die nach ihren Anfängen benannt werden. Genesis Kax. \ und 2. Die Schöpfungsgeschichte: Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde, so beginnt das erste Kapitel, das ja allgemein bekannt ist. Es kehrt in ihm sechsbezw. sieben Mal die Wendung wieder; und Gott sah, daß es gut war und es war Abend und Morgen der erste Tag, bezw. 2., 3. usw. Tag. Es werden der Reihe nach geschaffen, das Licht, die Himmelswölbunz, die man sich als eine feste Schale über der Erde vorsteltt, Meer und trockenes Land, Pflanzen, Sonne, Mond und Sterne, Tiers und Menschen. Die Erschaffung des Menschen wird in folgender weise geschildert: Und Gott sprach: Wir wollen Menschen mache«, in unserm Ebenbilds, in der Aehnttchkeff