Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 6 (Juni 1922)
- Date
- 1922-06-01
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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89 „3« Gerechtigkeit wird regiere» ei» König, und der Gerechtigkeit Werk ist Friede, der Gerechtigkeit Wirkung Ruhe und Sic^xheit ewiglich! Dann wohnt mein Volk in der Wohnung der Friedens und in Hütten der Zuvevficht, in sicher» Ruhestätt»! Selbstverständlich darf man den utopischen Pazifismus der Propheten nicht mit dem aus soziologischen, ökonomischen und juridischen Notwendigkeiten erwachsenen wissenschaftlichen Pazifismus der Neuzeit verwechseln. Aber gerade weil heute die Weltfriedensbewegung so überwiegend auf materialistischer Grundlage basiert, sollte man nicht verfehlen, ihren religiösen Ursprung zu betonen. Denn der Einfluß, den gerade Iesaia auf Männer wie den heiligen Augustinus, Erasmus von Rotterdam, die Mystiker von» Schlage Taulers und Lckards, den Abbö de Saint-pierre, aber auch auf Herder und Kant ausgeübt hat, ist nicht zu unterschätzen. Ich habe einmal an anderer Stelle*) versucht, de» Propheten Iesaia in den Zusammenhang der Entwicklungsgeschichte der Friedensidee zu stellen. „In drei Perioden zerfällt die Geschichte jeder Ideenwelt. Die erste wlll ich die utopistische nennen, well in ihr den Trägern und Kündern der Idee der Blick für die Wirklichkeiten des Lebens noch fehlt. Sie bemerken nicht, wie sehr mit dem Tiere noch der Mensch behaftet ist .. . In dieser Epoche der Idee wird zuerst ihre ethische Seite begründet, auf daß sich in der darauffolgenden die Entwicklung der Idee von der Utopie zur Wissenschaft vollziehen kann. Verbleibt, daß sie in der dritten Epoche de» weg von der Wissenschaft zur Wirklichkeit vollendet . . . I* Iesaia spiegelte sich die utopistische Periode des Pazifismus. Mit seinem Namen verknüpft sich die Entstehung des Friedensbewegung als einer ethischen Forderung des Völkerlebens. So durste er noch an das Aufhör» jede» Kampfes, jeder befreienden Bewegung glauben, vor Charles Irenäe de St. pierres juristischem Scharfsinn vor I^an-Iaques Rouffeaus analysierendem Verstand mußte das allerdings grandiose Trugbild von einer Zeit, in der der Wolf mit dem Lamme weidet, der Säugling an der Natter Kluft spielt, in eitel Nichts zerrinnen. Für sie gibt es keinen ewigen Frieden im Sinne der Propheten. Denn alles, was ist, ist endlich. Alles was bestehen soll, aber muß vernünftig und gerecht sein. So werden sie die Begründer der Friedensbewegung als juridischer und vernunstgewoltter Zielsetzung, ihre Führer iu der Entwicklung von der Utopie zur Wissenschaft . . “ Das also ist das ungeheure Verdienst des Prophet«» Iesaia, darauf hingewiesen zu haben, daß ein gerechterer Aufbau der menschliche« Gesellschaft unbedingt dem Austragen von zwischenstaatlichen und völkischen Streitigkeiten durch das Mittel brutaler, sinnloser Gewellt ein Ende machen wird (ohne daß er allerdings genauer auf die Art dieser Organisation eingegangen ist). Das ist die Lehre eines von Gott ergriffenen Mannes, eines Gottbesessenen, auf dem Gipfel jüdischer Religiosität! Daß die Worte des Propheten Iesaia lebendig geblieben sind im Iudentum, dafür sind zahlreiche Stellen im Talmud und Midrasch Beweis. Am tiefsten hat mich immer jene Legende in Sanhedrin 39 b ergriffen: „Als die Aegypter nn Roten Meer ertranken, wollten die Engel Preisgesänge anstimmen. Da sprach Gott: Meine Geschöpfe gehen unter und ihr wollt Lieder singen?!" Und in pirke Aboth 1 \2i Mittel lehrte: Sei von den Iüngern Arons. Liebe den Frieden und jage ihm nach, liebe die Menschen und leite sie zur Gotteslehre an." Die Gleichwertigkeit aller Völker lehrt, wie zahlreiche Stiellen der Bibel, Roschhaschanah 3 und Taanith 2: „Sind wir denn nicht Kinder eines Vaters, Kinder einer Mutter?" Am charakteristischsten ist die weniger bekannte *) Vgl. Laserstein-Nioolal, Jean-Jaques Rousseau- Schriften Zum ewige« Friede», Berlin 1820, Perlag Han- Robert Enselman», S. 11 ff. Stelle Mzin s, wo es heißti „Rabbi Simon, Sohn Thalastas, sagte: Gott hat nichts für Iftael segensreicher gefunden, den« den Friede«; so heißt es Malm 29 v. Ul Der He« verleihet Stärke seinem Volle, der He« segnet sein Voll mit Friede« •).“ wie tief im kaufe der Iahrhunderte der Gedanke vom messianischen Friedensreiche in der jüdischen Religion verankert wurde, kann es deutlicher gezeigt werden, als durch das Olenu-leschabeach-Gebet, das alle unsere Gottesdienste endet? Auch in der jüdischen Religionsphilosophie des Mittelalte» begegnen wir derselben Ideologie. In dem messianischen Gedanken vollzieht sich im Kusari (des Iehuda den Hallewi) die enffcheidende Ueberwindung des partikularismus. Das wirken der Offenbarungsreligionen in der Welt dient nur dazu, dem Messias die Wege zu bahnen. 3* der messianischen Zeit werden die Mensche« und Völler sich zu einem Bruderbund zusammenschließen. Gott wird seine» Geist auf alle seine Geschöpfe legen, seinem Volle Eh« verleihen; dann mögen die Gerechten sich freuen und frohlocken (Kusari H 44)."**) Und diese Entwickln»- ist, bis in die jüngste Gegenwart, nicht zum Abschluß gelangt. Auch das liberale Iudentum bekennt sich zu den Forderungen und Idee», die wir auf ihrer Wanderung durch die jüdische Geistesgeschichte verftllgt haben. So heißt es in den „Richtlinien zu einem Programm für das lieberolle Iudentum" von 19*21 „Die ewigen Wahrheiten und sittllchen Grundgebote der jüdischen Religion, in den» alle Jetten und Richtungen des Iudentums übereinstimmen sind: Di« Lehre von dem einig-einzigen, reingeistig«, heiligen Gott, dem Gott der Gerechtigkeit und klebe. Dt« Lehre von der Gottes ebenbitdlichkeit des Mensch» und der Unsterbvchkett seiner Seele, von seiner Kraft zur sizzlichen Freiheit und seiner Bestimmung^ zu immer höherer sittlicher und geistiger Vervollkomntznnng fortzuschreiten. Die kehre von der Gottesktndschast aller Mensch» und von der Bestimmmunz der Menschheit, dem messianischen Friedensideale durch Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe immer «üher zu komme». Die von der Vorsehung bestimmte Aufgabe 3ftaeis ist es, seine Rellgion in ihrer Reinheit zu bewahr» und zu verkünden, durch die lebendige Kraft des Beispiels mtb der opferwillige» Hingabe, und fofürdieHerbetführung des Gottesreichss auf Erde» zu wirken. <Sne ungeheuer schwere Aufgabe ist es, die hier dem religiösen Menschen im allgemeinen und uns liberal» )vd» ganz befände» gewiss» wird, wir könn» ihr aber gerecht werden, wenn wir als Diener j»er Bewegung, die auch die Bestimmung der Menschheit bt der Erreichung des messianischen Fried»sideales sieht und mit d» realen Mitten der Schiedsgerichtsbarkett und eines wahr» Völkerbundes auf ste hinarbeitet, nämlich des Pazifismus, nicht nur in unserer Mitte wirken, sonde» diese Gedmcken ebenso un- *) Selbstverständlich ist diese Nachweisung nicht voll« ständig und will es, dem Zweck dieser Untersuchung entsprechend, nicht sein. Weitere Stetten findet man in all» Werken, die di« Ethik des Judentums behandeln. Denn «ttS aus dieser gewinnt mau das rechte Verständnis für die pazifistische Gnmdstimmung der Mischen Religion. Vielleicht stellt nun einmal die „Lehranstalt für die Wissenschaft d«D Judentums" oder die ,vne-Bri1h-Groß-Loge" die PoetSausgckbe: Judentum, Christentum und Friedensbewegung, mit besonderer Berücksichtigung der talmudischen Quellen." DtA wäre eine Arbeit, des Schweißes der Edlen wett! *•) Aus der tiefgründig» Schrift Emll BertzerSr Dal Problem der Erkenntnis in der Religionsphllosophie Jeünda Hallewis, Berlin 1916, S. 49. Auch der „Diwan" m»H A dies« Richtung Noch eingehend durchforscht werde»! \ - \ 1 i