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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1922-06-01 · Heft 6 (Juni 1922) · p. Seite 38

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1922
Issue
Heft 6 (Juni 1922)
Date
1922-06-01
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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— SS — berufe. Und auch Prof. Martin Rade-Marburg behauptet, das Alte Testament rechtfertige und verherrliche die Kriegsführvng. wesentlich anders urteilen allerdings Prof. Wilhelm Foerster und Prälat Gießwein. Und Prof. Laver Lberle schreibt geradezu*): „was sich aus dem alten Testament bezüglich der kehre vom Kriege beweisen läßt, ist nicht mehr und nicht weniger, als der Gedanfe, daß Israels, als eines theokratischen Staates, Kriege eine xrovidentielle Führung und Fügung Jehovas sind. Daß sie an sich zu verwerfen seien, notwendig aber und erlaubt, um Jehovas Gottesvolk zu sichern und zu fördern, gottgeboten, um das Reich des semitischen Bundesgottes zu verbreitern und zu erweitern." Line dieser Ansichten kann natürlich nur richtig sein, welche von ihnen kommt der Wirklichkeit am nächsten? wollen wir die Frage nach wissenschaftlichen Grundsätzen zu lösen versuchen, so dürfen wir auch vor den Dokumenten der Bibel den kritischen Blick nicht verlleren, müssen sie im Lichte ihrer Entstehungsgeschichte werten und uns vor allem davor hüten, etwas in sie hineinzulesen, mn Unbeweisbares beweisen zu können. wie man von jeher den Gott Israels als einen Gott der Rache dem dreieinigen Liebesgott des Neuen Testaments gegenübergestellt hat, so hat man die Kriegsschilderungen des Alten Testamentes als Beweis dafür angeführt, daß das Judentum eine kriegerische Religion sei. was ist daran wahr? Gewiß muß zugegeben werden, daß unsere Bibel zu einem nicht geringen Teile aus den Schilderungen der Kriege besteht, in die das Volk Israel im Laufe einer langen Geschichte verwickelt worden ist. Aberetwasanderes istesja,obwirdaswesendesThrist«nt«ms ans der Bergpredigt ergründen, etwas anderes, ob aus den Scheiterhaufen, die in seinem Namen errichtet wurden, wer das Alte Testcnnent unter einem solchen Gesichtswinkel betrachtet wie die Mehrzahl der oben erwähnten Schriftsteller, vergißt eben, daß es nicht wie die Bibel der neuen Bundes ein reines Religionsbuch ist, in dessen Mittelpunkt das Schicksal einer Linzelxersönlichkeit steht. Das Alt« Testament ist vielmehr in weitem Umfange nur eine Sammlung von Chroniken. Das ist nicht durchaus ei« Nachtell, zumal wenn derartige Berichte so sehr de« Stempel der Wahrscheinlichkeit an sich tragen, wie die meisten unserer biblischen Geschichtsschreiber. Daß diese sich aber als Vertreter ihres Stammes fühlten und nicht das determinierte Bewußtsein ihrer Zeit abstreifen konnten, wer wollte dieser Tatsache das Vverständnis versagen? Steht man allerdings auf jenem Standpunkt, der in jedem Worte der Bibel das Zeugnis einer geoffenbarten Gefetzesreligion steht, so muß man sich dieser Tatsache gegenüber in unlösliche widervrüche verwickeln, wir liberalen Juden aber, die wir auf dem Boden des Lntwicklungsgedankens stehen, wollen diesen ja auch auf die Bibel angewandt sehen und leugnen garnicht, daß der weg, der vom Talionsprinzip des stnaittschen Codex zum Lthos der Propheten führt, ein weiter ist. Gewiß sind Kriegsgebete wie Psalm 35 und Vorgänge, wie sie Vers 21 des vierten Kapitels im Richterbuch schildert, einem geläuterten religiösen Empfinden unerträglich. Aber vergessen wir doch nicht, daß uns gerade das Richterbuch in die Urgeschichte eines Volkes führt, daß es eines der ältesten biblischen Dokumente ist. Sodann ist Israel damals ein sehr junges Volk, und zu Zeiten, in denen noch die rohe Gewalt herrscht und sich keine Grganisationssormen herausgebildet haben, ist man immer mehr oder weniger kriegerisch gesonnen. Trotzdem ertönen im Alten Testament schon verhältnismäßig früh Stimmen, die den Krieg als Leidbringer verwerfen und ihn durchaus nicht als gottgewollt erscheinen lassen. Als David sein berühmtes Triumphlied anstimmt, quillt es von seinem Munde: „Zerstreue die Völker, die des *) Krieg und Friede« im Urteile christlich« Moml, Stuttgart 1914. S. ö. Kampfes sich fteuen! (Psalm «8 v. a\.) Der Friede wird als Segenspender gepriesen (Psalm 2v. u); er folgt der Gerechtigkeit, singt der Psalmist (Psalm 85 v. \\)i „Güte und Treue begegne« sich, Gerechtigkeit und Friede küssen sich. „Bei de« Friedfertige« ist Freude, heißt es in Sa- '.omo's Sprüchen (Kap. XU v. 20), und so lassen «ns viele Stellen den wert der Friedensarbeit erkennen. Auch wollen wir nicht vergessen, wie schwierig die Stellung des kleine« Gottesvolkes zwischen dem umliegenden völkerkonglomerat war, das sich durchweg zum Heidentum bekannte, und auch daraus muß hingewiesen werden, daß der größte Tell der Kttege, die uns das Alte Testament vor Augen führt, De» fensivkriege gewesen sind. Nirgend in der Bibel findet sich die Verherrlichung des chauvinistischen Angriffs. Wenn sich z. B. in den Makkabäerkämpfen die Seele eines geknechteten Volkes erhebt, wenn dieses Volk die Peiniger, die ihm die Religion entreißen wollen, zerschmettert, so ist dabei nichts vrewerfliches zu finden. Noch heute gehört ja das Problem der Staatsnotwehr zu den ungelöstesten im Völkerrecht und im Pazifismus. Als ganz besonderes Kuriosum ist übrigens die Tatsache zu erwähnen, daß in den Prophetenbüchern die Könige stets als die Zaudernde» erscheinen, denen die Propheten erst Mut zu den dringend notwendigen Abwehrmaßnahmen einflößen. Nicht das ist ja nun die Hauptsache, festzustellen, in welcher weise einzttne Persönlichkeiten unter den alttestamentlichen Schriftstellern zum Ariegsproblem Stellung genommen haben, vielmehr fragt es sich: welche Stellung hat das Judentum auf dem Höhepunkt seiner religiösen Erkenntnis in dieser Hinsicht eingenommen? So antwortet uns der Prophet Micha, der Morasthite, in der vierten, um roo v. Ehr. gehaltenen Rede: „Einst am Ende der Tage wird der Berg des Gotteshauses aufgerichtet sein über den Gipfeln der Berge und erhaben über die Hügel, und die Völker strömen zu ihm hin. Und viele Nationen ziehen hin und sprechen- Kommt, laßt uns hinaufgehen zum Berge des Herrn und zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns seine Wege weise und wir in feinen Pfaden wandeln' denn von Zion wird die Lehre ausgehen, und das Wort des Herrn von Jerusalem; dann wird er richten zwischen vielen Völkern und weithin entscheiden mächtigen Nationen, und sie schmieden ihre Schwerter um zu pflugschaaren und ihre Lanzen zu Rebmessern. Nicht mehr wird voll gegen Volk das Schwert erheben, und man wird fortan den Krieg nicht mehr erlernen. Lin jeder wird unter seinem Weinstocke und unter seinem Feigenbäume sitzen, und niemand wird ihn beunruhigen; dtewell des Herrn Mund gesprochen hat. wahrlich, alle völkermö gen,jeglich es imNamensein es Gottes wandeln; wir aber wollen im Namen des Ewigen, unseres Gottes, wandeln von nun an bis in Ewigkeit. Wo, so ftage ich, spürt man hier auch nur den Hauch eines kriegerischen Geistes? Wo im Neuen Testament gibt es eine Stelle, die der haßzerrissenen Menschheit klarer die Notwendigkeit friedlichen vertragens predigt? Hier ist, anders als in Matthäus \o v. 34 oder 23 v. 6—r, keine gequälte Deutung nöttg, um zu zeigen, wie das religiöse Gemüt gegenüber dem organisierten Menschenmord empfindet. „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch den Geist, spricht der Herr der Heerscharen. Den Gipfel dieser Entwicklung des religiösen und ethischen Pazifismus stellen die im zweiten und zweiunddreißigsten Kapitel des Prophetenbuches Iesaia überlieferten ergreifenden Gedichte des Iesaia I, eines Zeitgenossen des Propheten Micha und des Königs Hiskia, dar. Die im Kapitel II wiedergegebene Rede ist mit der vierten des Micha in weiten Teilen völlig gleichlautend und Micha wahrscheinlich von Iesaia abhängig. An der anderen Stelle aber ruft Iesaia ausr

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