Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 5 (Mai 1922)
- Date
- 1922-05-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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34 harten Zweifeln und Rümpfen — Gott in seinem Innern erkannt hat, für die Allgemeinheit Bedeutung gewinnt «st bei besonders starken seelischen und geiDgen Naturen. Schon Abraham «Seiger, den Herr Dr. Goldmann mit Recht als den Begründer des konkreten im jüdischen Boden wurzelnden Liberalismus kennzeichnet, hat Offenbarung nur in diesem Sinne aufgefaßt. Für ihn bedeutet Offenbarung die „Berührung der menschlichen Vernunft mit dem tiefen Urgrund aller Dinge". „Das Judentum will auch keineswegs ein Werk einzelner sein, sondern das der Gesamtheit. Es wird nicht gesprochen von dem Gotte Moses oder von dem Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs, von dem Gotte des ganzen Stammes, der Urväter, tn denen sich gleichfalls diese Anlage, der hinemschauende Blick Vorfand; es ist die Offenbarung, die in der Gesamtheit vorborgen lebte und i« einzelnen den vereinigenden Ulittelpunkt fand." (Abraham Geiger, Das Judentum und feine Geschichte.) Ls ist, meiner Meinung nach, ebenso sehr ein Zustand der Unwahrhaftigkeit, wenn wir -er Orthodoxie gegenüber behaupten; auch wir Liberalen halten an dem Gedanken der Offenbarung fest, verstehen aber unter diesem Begriff etwas vollkommen anderes, wie wenn „die Rabbiner unter Liberalismus etwas anderes verstanden wissen wollen, wie die Laien und wenn sie trotzdem durch Gebrauch derselben Terminologie den Anschein erwecken, als bestünde -er Zwiespalt nicht." Dasselbe gilt auch vom Gesetzlichkeitsprinzip. Auch hier kann man der Orthodoxie gegenüber nicht betonen, der Liberalismus greife das Gefetzlichkeitsprinzip nicht an. Für den Orthodoxen fließt auch das Gesetzlichkeitsprinzip aus dem Begriff der Offenbarung, und darum gibt es für den konsequenten Orthodoxen keine Unterscheidung zwischen wichtigen und unwichtigem Gesetz. In der Orthodoxie gilt jemand als Abtrünniger, mag er nun das Sittengefetz oder irgend ein Gesetz des Schulchan Aruch mißachte». Ueber eines müssen wir Liberalen uns völlig Lar sein: Bekennen wir, daß es einen Unterschied zwischen dem Gesetz der Ethik und dem Zeremonialgesetz gibt, dann dürfen wir auch nicht halt machen vor den Konsequenzen dieser Erkenntnis. Verbindlich auch für den liberalen Juden muffen selbstverständlich die ethische» Forderungen des Judentums fein, Habe ich Sott als den die Sittlichkett Fordernden erkannt, so ist es für mich selbstverständlich, nach Erfüllung dieser Forderung zu streben. Aber dieses Strebe«, folgt nicht aus dem GefüH. der Verpflichtuug gegen das Gesetz, sondern aus tiefstem religiösem Empfinden, das die Umsetzung -er Gesinnung in die Tat gebieterisch fordert. Dem Zeremonialgesetz gegenüber aber müsse« wir eine andere Stellung emnehmen. Jedes Menschenleben ist eine Welt für sich; darum hat jeder Mensch seine eigrnen Lebensformen, Symbol* ferner persönlichen Eigenart. Wie oft jemand im Jahr m die Synagoge geht, wie er in seinem Hause jüdische Feste begeht, danach zu fragen steht dem andern nicht zu, noch viel weniger, ihn auf Grund dieser Tatsachen zu einem guten oder schlechten Juden — oder wie viele diesen Unterschied zu bestimmen ,«einen — zu einem gefühlsmäßig verankerten oder intellektuellen Juden zu stempekn. Hüten wir «ns davor, nun unsererseits einen neuen Schulchan Aruch he^ustellen. Gerade, weil die „Richtlinien" „der Mechode mich Geist vom Schulchan Acuch" sind, sind sie für die liberale Allgemeinheit so absolut erfolglos geworden und mußten es auch werden. Und nun noch zu einem andern Punkt des Referats von Dr. Goldmann. Herr Dr. Goldmann unterscheidet scharf zwischen objektivem und subjektivem Liberalismus. Objektiv ist nach Herrn Dr. Goldmann derjenige, der das größere wissen vom Judentum hat, „der Gelehrte, mag er das Rabbineramt verwalten oder sonst einen Beruf treiben. Er vertritt das objektivesudentum und, sofern er liberal denkt, einen objektiven Liberalismus. Der unwissende Laie ist. dagegen Anhängerund Attwaltdes subjektiven Liberalismus. Ersterer kennt das Judentum und empfindet daher dieser großen geschichtlichen Tatsache gegenüber die Wucht der Verantwortung. Letzterer schafft neu, kennt keine Bindung durch die Tradition und verspürt nicht diese gewaltige Last der Verantwortung." 2lls ob der subjektive Jude in dieser Frage wirklich kein Verantwortungsgefühl kenne! Gewiß, der Tradition gegenüber werden viele Juden keine Verantwortung mehr empfinden, hierin hat Herr Dr. Goldmann Recht, aber damit ist die Verantwortung gegen die eigene innere Ueberzevgung ungeheuer stärker und tiefer geworden. Gewiß, man kann aus Verantwortungsgefühl gegenüber dem historisch gewordenen, z. B. an der Beibehaltung des Abschnittes aus der Schimone Lsre, der von der Auferstehung des toten Körpers handelt, festhalten, das ist verhältnismäßig leicht und billig; aber man kann auch, was viel schwerer ist, aus Verantwortungsgefühl gegenüber der inneren Ueberzeugung, in der der Glaube an die Auferstehung des Körpers nicht mehr lebt, diesen Abschnitt aus unferm täglichen Gebet zu streichen wünschen. Ist schon dieser unberechtigte Vorwurf der Verantwortungslosigkeit des subjektiven Juden recht Heftig, so kann ich es mir nicht versagen, es als ein Ketzertum schlimmster Art zu bezeichnen, wenn Herr Dr. Goldmann festzustellen wagt, daß „auf das Ganze gesehen, der gesetzestrene Jude ethisch dem andern absolut überlegen" sei. Und auf der anderen Seite sollte Herr Dr. Goldmann wohl wissen, daß auch der objektivste Jude der subjektiven Einstellung zum Judentum bedarf. Wo diese persönlichste, subjektivste Einstellung fehlt, da wird auch der objektivste Jude kein rechtes Verhältnis zu seinem Judentum gewinnen können. Wohl ist wissen vom Judentum eine der Hauptforderungen, die wir Liberalen auf unser Banner schreiben, aber erst das Lrfahrenum das Geheimnis und um den Sinn jedes Menschen leben s, verbunden mit dem wissen macht uns zu ganzenIuden. Schon Jeremias hat uns Juden diesen weg des Subjektivismus, des Individualismus gewiesen: „Ich gebe meine Lehre in ihr Inneres und werde sie in ihr Herz schreiben, ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein. And keiner wird mehr den andern lehren, und sie werden nicht mehr untereinander sprechen: erkennet den Herrn; denn alle von Groß bis Klein werden sie mich erkenne», ist der Spruch des Ewigen." Gerade wir jungen Liberalen muffen uns dagegen wehren, daß unsere Führer uns beim Streben nach Verwirklichung des prophetischen Judentums Hindernisse in -en weg stellen. _ Unser Ge-erabenö. Don Joseph Weinsaft, Berlin. Lin Plan, der bereits aufgegeben war, konnte in letzter Stunde verwirklicht werden: wir hatten einen Sederabend. wer von Hause aus den Sederabend kennt, der weiß, daß er der schönste unter den Abenden unserer Feste ist. Nicht allein durch die Erinnerung an das größte geschichtliche Ereignis in Israel, sondern vor allem durch die sinnreichen Symbole, von den bitteren Kräutern bis zum Kelch für den Propheten Elia, die «ns dieses Ereignis näher zu Gemüte führen, die uns erkennen lassen, was der Ewige für uns getan hat, tut und tun wird. Denn das ist das wunderbare, was diese Nacht vor allen andern Nächten auszeichnet: wie ahnen mehr denn je den Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, fühlen das ewige walten Gottes und erkennen die Aufgabe, die uns durch ihn gestellt ist. Nicht die Hagada in der überlieferten Form gab unferm Abend das Gepräge, sondern die größtenteils in unserer Muttersprache «-gefaßte von Rabbiner Dr. Seligmann.