Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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— 15 - d. h. im Nichts beginnen, wobei ein Verirren durch die Orientierung an dem klar und sicher gewußten, hell strahlenden Ziel unmöglich gemacht wird. So unternimmt es Rosenzweig, aus dem Nichts — so paradox das klingt — erst jede der drei Einheiten: Gott, Welt, Mensch aufzubauen und dann durch Zusammenfügen der .„Elemente" das All zu gestalten. — Es ist eine beschwerliche Fahrt, einer schwierigen Klettertour zu vergleichen, die der Geist aus dem Abgrund des Nichts, wo noch undurchdringlicher Nebel und tiefe Dunkelheit herrscht, unternehmen muß hinauf zu den strahlenden, klaren Regionen der Erkenntnis, hoch über dem Gewölk des Zweifels. Freilich: Ausdauer und Beharrlichkeit sind erforderlich, um dem Führer auf seinem Wege folgen zu können; steile Gipfel müssen erklommen ■werden, zu denen scheinbar kein Pfad hinaufführt, Abgründe übersprungen, über die keine Brücke leitet, aber du gehst an sicherem Seile, und stets aufwärts führt der Weg hin zum Ziel. — Als wunderbares Panorama liegt zu deinen Füßen bald die Gebirgswelt mit allen Gipfeln, die Menschengeist je erklommen. Du siehst deutlich die Wege, die zu jedem hinaufführen, aber es führt keiner von einem Gipfel zum andern und alle biegen sie ab vom Ziel. — So erscheinen die Religionen des Heidentums und die Systeme der Philosophen klar erkannt in ihrer Größe, aber auch in ihrer Einseitigkeit, da sie Seitenpfade einschlugen auf dem langen Wege durchs All, und die Höhe des Ziels konnte deshalb keiner erreichen. — Bei der gewaltigen Synthese, durch die der Bau des All aus seinen Elementen: Gott, Welt und Mensch sich vollzieht, erhält so jede geistige Erscheinung in der Menschheit ihren fest und eindeutig bestimmten Platz im Rahmen des Ganzen: die' Lehren eines Buddha und Laotse, die Welt des Griechentums und des Islam, die Systeme eines Kant und Hegel, Schopenhauer und Nietzsche, Idealismus und Mystik, sie alle werden eingeordnet in das System und nehmen darin ihre selbstverständliche Stellung ein; sie werden verfolgt von ihren Ursprüngen aus dem menschlichen Denken, Fühlen und Wollen his zu ihren letzten äußersten Konsequenzen. — Aber alles dies — wie auch die Betrachtung des großen Reiches der Kunst: der Musik und bildenden Kunst, der Dichtkunst und Tanzkunst, was sie heute und in der Antike bedeutet, ihr Verhältnis zum Ganzen des All und zu Gott, Mensch und Welt — es sind nur Seitenpfade, Episoden auf dem gerade und unbeirrt verfolgten Wege, der in erhabenem Rhythmus zur Vollendung leitet.-- Wir sahen, die Logik, das Rationale war nicht im Stande, die Tatsächlichkeit zu erklären. Doch etwas gibt es, was das Spiegelbild der Tatsächlichkeit selber ist, der „farbige Ab-