Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 10 — „Wahret meine Satzungen und meine Vorschriften, die der Mensch tue, daß er lebe durch sie; ich bin der Herr/' Nicht nur für die Juden also, so lehrt unsere Religion, sondern für die ganze Menschheit sind Gottes Gebote bindend, der beste Religionsjude in unserem Sinne also ist der, der als Jude der beste Mensch ist oder es zu sein sich am meisten bestrebt. Wir wahrhaft „J u n g - Liberalen" wollen ebenso wenig wie Herr Dr. Goldmann ein Pietäts- oder Trotz-, viel weniger noch ein Nationaljudentum, aber wir wollen auch kein Judentum der Theorie, wir wallen von unserm Judentum in erster Linie wahrhaft hohe und zugleich tiefe Religiosität, wollen von ihm die höchsten Ideale der Menschheit überhaupt, wollen, mit einem Wort, ein , J u d e n t u m d e r T a t", und daß wir das nur im liberalen Lager finden können, brauche ich wohl kaum erst auszufuhren, denn nur hier haben wir die wahre Vereinigung von Religion und Leben. Darum weg mit jedem Schlagwort, fort mit jeder Theorie und Deutelei, zurück zur Bibel und den Propheten, zurück zu den durch keinerlei -Kasuistik verwässerten Idealen sittlichster Weltanschauung, wahrhaft lebendigen Judentums! Ich brauche nach all dem auf Herrn Dr. Goldmanns Vorwurf wegen meiner ,,erkenntnistheoretischen und psychologischen Irrtümer" wohl kaum noch einzugehen. Nichts von Theorie, nichts von verzwickten psychologischen Gedankengängen beherrschte mich bei Abfassung meines Artikels, sondern innerstes Gefühl, warme Religiosität, tatkräftiger Idealismus waren es, die mir die Feder in die Hand drückten, Gedanken der Kriegsgreuel, die ich mitansehen mußte, Erinnerung an heiße Schlacht, Schulter an Schulter mit Freunden und treuen Kameraden, Aug' in Auge mit Feinden, die doch auch Menschen, Brüder waren, umschwebten mich in jener Stunde. Herr Dr. Goldmann hat also in meine einfachen Ausführungen mancherlei hineingelesen, was gar nicht darin stand. Ich hoffe, meine heutigen Zeilen werden ihm und allen andern, die es noch nicht wußten, deutlich genug sagen, daß meine Worte nur in dem ihnen zugrundeliegenden Sinn gelesen sein wollen, daß ich nichts zwischen die Zeilen lege. Denn das wäre eines jungen Tatjuden — und das bestrebe ich mich zu sein — unwürdig, wäre ebenso unwürdig, wie es tinwürdig und unjüdisch wäre, die Wahrheit zu umgehen oder das Ziel, das einem vorschwebt, auf krummem Wege zu erstreben.