Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 9 — Worte. Als Antwort eine Frage: Darf sich ein Mensch — und auch wir Juden sind ja Menschen — nicht einmal ohne jede Voraussetzung mit Gott beschäftigen? Muß man ferner, wenn man von Gott spricht, immer gleich die Gesamtheit dieses Begriffes behandeln, oder ist es denn nicht erlaubt, einmal einen Teil seines Wesens sich zu betrachten ausschließlich aller andern Eigenschaften? Für mich wenigstens ist der Begriff „Gott' ein viel zu gewaltiger, als daß ich ihn auf zwei oder drei kleinen Druckseiten abtun könnte, und deshalb habe ich in meinem Artikel einmal d i e Seite dieses Begriffes herausgegriffen, die mir für unsere Zeit, die mir für unsere Aufgabe, Gott und Judentum wieder einziehen zu lassen, in die Herzen der Menschen und Juden, bedeutsam erschien. Und warum ich diesen Teilbegriff, obwohl es ein solcher ist, dennoch einfach „Gott" nannte, ohne jede Einschränkung? Weil man vom Unendlichen noch so viel abziehen kann, es bleibt dennoch unendlich! (Herr Dr. Goldmann wird hier vielleicht fühlen, daß für mich die Einheit von Wissen und Glauben möglich, ja gegeben ist!) Ich schrieb in jenem Artikel also nichts, was auf mein Judentum oder Nichtjudentum hätte schließen lassen können, ich beschrieb in ihm nur eine Seite des Begriffes „Gott" überhaupt, wie er in meiner Seele lebendig ist, ich schrieb das alles in Gedanken über die Entwicklung, die unsere Zeit erfüllt, in Gedanken darüber, wie diese Entwicklung die Menschen wieder zur Religiosität hinführen könnte, schrieb es in der Hoffnung, daß, wenn erst diese Gotteserkenntnis sich Bahn gebrochen habe, die ich zu zeichnen versuchte, daß dann, aber erst dann die Zeit gekommen sei, in der auch unser Judentum wieder zu nicht geahnter Blüte und Höhe emporsteigen würde, daß es sich dann durch sein bloßes Vorhandensein die Herzen der Menschen erobern würde. Gleichwohl aber will ich trotz dieser scheinbar etwas „ketzerischen" Ansicht — wenigstens habe ich aus dem Ton in Herrn Dr. Goldmanns Artikel dies herauslesen müssen — doch als „R e 1 i g i o n s j u d e" gelten, auch wenn es Herrn Dr. Goldmann „genügt, festzustellen, daß ich mit dem jüdischen Glauben nicht das Geringste zu tun habe". Im Gegenteil, ich behaupte sogar, daß ich und alle, die wie ich denken — das aber ist wohl weitaus die Mehrheit aller derer, die sich um das Iii-Banner scharen — die besten Religionsjuden sind, weil wir die besten Menschen zu sein uns bestreben. Nicht „historischer jüdischer Glauben" hat hier den Ausschlag zu geben, denn das ist ein Schlagwort und nicht einmal ein gutes, darunter kann man dies oder jenes verstehen, wie man gerade will, nein, ausschlaggebend allein ist das herrliche Bibelwort: