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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1922
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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— 5 - nach dieser oder jener Richtung hin nachahmen und wiedererstehen lassen möchte. Von Gewohnheiten können und wollen wir nicht loskommen, wenn wir nicht unser Herz aus unserm Busen reißen wollen. Und es wäre falsch,-das gewohnheitsmäßig Geübte nicht auch als einen Weg der Religion anzusehen, wenn er auch der einfachste und leichteste ist. Nicht aber der schönste, denn dieser führt über die Brücke der Erkenntnis. Die Einsicht und Erkenntnis stand stets im Judentum in hoher Wertschätzüng. Unser tägliches Hauptgebet enthält an erster Stelle die Bitte: Begnadige uns, o Gott, mit Erkenntnis, Vernunft und Verstand von dir. Das Studium in der jüdischen Lehre und das Eindringen in den religiösen Gehalt unserer Religion war für unsere Ahnen das Glück und die Freude ihres Lebens. Für das Judentum und seine Anhänger galt nie der Satz, daß ein blinder Glaube selig mache. Irrumer und immer wieder heißt es in den jüdischen Schriften: Du sollst erkennen. Es ist eine Verkennurig unserer Religion, wenn manche unter uns meinen, auch innerhalb unseres Glaubens solle man den Verstand nicht mitsprechen lassen. Wohl miuß ein großer Unterschied gemacht werden zwischen einem liebevollen Verständnis und der alles zersetzenden und negierenden Kritik. Es kommt in dieser Beziehung sehr häufig auf die Fragestellung an, die wir zu wählen belieben. Wir dürfen nicht imtaier fragen: Warum soll ich diese oder jene jüdische Sitte üben, sondern warum soll ich sie nicht befolgen, denn letztere Frage müßte für uns Juden, d^ch die natürlichere sein. Ein wichtiger Gegenstand des religiösen Denkens ist meines Erachtens die Erkenntnis, wo die Grenzen zwischen Glauben und Wissen sind. Diese Überlegung sollte ein jeder für sich schon einmal angestellt haben, an welcher Stelle das Wissen endigt und der Glaube beginnen muß. So weit müßte ein jeder schon in seinen Gedanken gekommen sein, daß er verstehen lerne, es gibt Dinge, die wir nun einmal nicht zu ergründen vermögen und die deshalb Glaubenssache sein und bleiben müssen. Umgekehrt darf auch nicht der Glaube in Widerspruch treten zu den Dingen, die wir zu erforschen vermögen. Die Menschen, die die Vernunft vom Glauben und vom Dienste Gottes trennen wollen, reißen sich die Augen aus dem Kopfe, weil ^ie blind sein wollen. Wir wollen festhalten an der von Gott geschenkten Gabe der Erkenntnis, die ja nur dem Menschen zuteil geworden, ist, die gepaart mit religiösen Empfindungen uns tiefste Befriedigung zu bereiten vermag:. Religion gewinnen auf dem Wege der Erfahrung, das ist der bitterste Weg. Wer die Schule der Erfahrung durchgemacht hat, — und wer, der ein gewisses Alter erreicht, hätte sie nicht durchlaufen, — der weiß, wie bitter und hart der

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