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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1922-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1922) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1922
Issue
Heft 1-3 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Die Erziehung, die das Kind durch Beobachtung der Außenwelt sich selbst zuteil werden läßt, besteht vor allem in der Nachahmung. Wie viel liebe Gewohnheiten eignet sich der Mensch im Laufe der Zeit an, die man ihm nur ungern rauben möchte, weil sie ein Stück seines Lebens sind. Ebenso steht es mit zahlreichen religiösen Übungen. Man pflegt sie, weil man sie immer vor sich gesehen hat oder noch vor sich sieht, aus Gewohnheit, rein gefühlsmäßig. Sie sind vielen eine willkommene Unterbrechung des alltäglichen Einerlei. Sie heben gewisse Stunden und Tage aus dem grauen Alltag hervor und bringen Sonnenschein und Wärme in das Einzeldasein, das gerade gegenwärtig oft ein sehr ernstes und düsteres Gepräge aufweist. Da kommen die strengen Kritiker des Lebens und fragen: Welchen inneren Wert hat denn das, was man nur aus Gewohnheit und dem Nachahmungstrieb folgend tut? Und weil sie sehen, eine wie große Rolle diese beiden Mächte bei der religiösen Betätigung spielen, und wie dieselben vielfach zur starken Veräußerlichung führen, darum verlieren sie die Freude an ihr und die Lust, die religiösen Gebräuche innerhalb der Familie zu erhalten. Auch wir wissen, daß das Gewohnheitsmäßige nicht die höchste Stufe der menschlichen Entwicklung ist. Aber erstens schließt die eine Denkungsart die andere noch nicht aus, ebenso wenig wie sich Gefühl und Verstand, Pietät und Vernunft unbedingt zu widersprechen brauchen. Außerdem, wollen wir denn alle Menschen zu großen Denkern oder religiösen Revolutionären erziehen? Rechnen wir denn nicht auch im sonstigen Leben mit dem Durchschnittsmenschen? Und ist nicht derjenige, der nur aus bloßer Gewohnheit und reiner Anhänglichkeit an die Vergangenheit jüdische Gebräuche übt, tausendmal reicher als der, der religiöses Denken und Handeln überhaupt nicht mehr kennt und\ nichts an dessen Stelle gesetzt hat oder zu setzen vermag? Sind denn nicht die Glaubensgenossen, die mit ihrer jüdischen Vergangenheit in religiöser Hinsicht vollständig gebrochen haben, an inneren Werten wesentlich ärmer, geworden? Ist nicht auch bei vielen das, was sie sich an wenigen religiösen Gütern erhalten haben, nur eine liebe Gewohnheit? Wäre es anders, so wäre es nicht zu erklären, daß viele sich nur zu den Zeiten im Gotteshause einfinden, die sie als die heiligsten Tage im Jahre anzusehen vom Elternhause her gewohnt sind. Freudig begrüßen wir diese Regungen, wenn sie auch nur dem Nachahmungstrieb entspringen. Wie sehr bedauerten wir es, wenn auch diese noch schwänden. Woher kommt es, daß dem einen diese, dem andern jene Sitte als besonders schön und heilig gilt? Nur daher, weil bei jedem Menschen ganz Verschiedenes von der Jugend her in Erinnerung geblieben ist, und ein jeder das elterliche Heim

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