Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 11-12 (November 1921)
- Date
- 1921-11-01
- Page
- Seite 227 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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— 227 — Denn wie auf nur äußerem,Zwange diese menschliche „Gerechtigkeit" aufgebaut ist, so beruht wiederum auf der inneren Freiheit die göttliche Rechtbeschaffenheit, weil auf Grund eigener, selbständiger Prüfung und eigenem Nachdenkens der Mensch hier zum Erkennen des Guten gelangt. Betrachten wir weiter, was es mit der Befolgung der äußeren Gesetzeswerke auf sich hat: bei ihnen handelt es sich um Lohn, d. h. das, was der Mensch von Gott erlangen will, wird als Lohn und Schuldigkeit Gottes angesehen. Es besteht demnach ein Vertrag Gottes mit den' Menschen. Gott bezahlt hier die Leistungen, erscheint darum als ein Wesen, das Gutes gegen vorherige Leistung erweist. Solche aber auf Selbstsucht berechneten Werke sind natürlich keine, die das Menschenherz gerecht machen. Knechtsgesinnung kennzeichnet eine solche sich allein von Furcht oder Begierde leiten lassende Scheingerechtigkeit. Überwiegt die Furcht vor der Strafe, wird däs Gesetz befolgt; überwiegt die Begierde, wird es übertreten. Es ist dies somit ein Zustand des Knechtes zu seinem Herrn. Diese zwei Gerechtigkeiten: eine des Scheines, die andere der Wahrheit, weil Innerlichkeit, hält uns der Prophet vor Augen. Er weist uns aber auf die letztere hin, weil er uns von unfreien Knechten zu freien Gottessöhnen emiporführen will. Denn ohne die sittliche Freiheit ist eine Rechtbeschaffenheit undenkbar. Solange man den Menschen nur durch äußere Gesetze erzieht, sagt man zu ihm: „Du sollst" oder „Du sollst nicht". Demgegenüber tritt hervor die Kraft des Gottvertrauens, die den Menschen handeln läßt nach dem Leitwort: „Ich will" und „ich will nicht". Aufgebaut ist diese höhere, wahre Gerechtigkeit also auf dem wahren Gott-Erleben, und zum Ausdruck bringt sie der Prophet dadurch, daß „der Rechtbeschaffene sich glücklich fühlt in seinem Gottvertrauen". Wer diese alles überwindende, göttliche Kraft in sich fühlt, vermag sich auch nicht mehr aufzubäumen und sich zu empören gegen alles ihm im Leben entgegentretende Ungemach. Alle niederen Regungen und Kräfte überwindet ein solcher Gerechter durch die in ihm waltende höhere Kraft des Geistes. Hierin ist dieselbe Lehre enthalten, wie sie auch das neue Testament ausspricht: „Ich aber sage euch, widerstehet nicht dem Übel (sc. mit Gewalt)." Empört euch nicht gegen däs Übel, laßt euch durch das Übel nicht niederringen, sondern sucht es im Geiste zu überwinden — dann seid ihr Herr über alles Untergeordnete.