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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1921-11-01 · Heft 11-12 (November 1921) · p. Seite 219

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1921
Issue
Heft 11-12 (November 1921)
Date
1921-11-01
Page
Seite 219 (sequence 11)
Language
German
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— 219 — Stroh vorenthielt, daß man ihre männlichen Neugeborenen mit dem Schwerte vertilgte, daß ihre Bedrücker nur durch die schwersten Plagen dazu bestimmt werden konnten, sie freizugeben, diesen Entschluß aber sofort wieder bereuten, ihnen mit einem gewaltigen Heere nachsetzten und daß die Juden nur durch ein göttliches Wunder yon der Rückkehr in die alte Knechtschaft bewahrt wurden. Und die Antwort auf diese unmenschliche Behandlung? Etwa Repressalien, wie man sie als das in solchen Fällen Übliche erwarten sollte? Nein, freundliche Aufnahme und völlige Rechtsgleichheit für die einstigen Unterdrücker. Ich fürchte, der mehrerwähnte Leser wird aus dem Kopfschütteln nicht herauskommen. Den Satz: „Ihr sollt Eure Feinde lieben", werden Sie zwar als theoretischen Satz im alten Testament vergeblich suchen, hier aber haben Sie angewandte Feindesliebe in praxi und das in Reinkultur. So haben unsere Vorfahren gedacht, nach diesen Grundsätzen haben sie gehandelt und so soll es mit Gottes Hilfe auch in Zukunft unter uns gehalten werden. Ein solches Gesetz der reinsten Menschenliebe, welches aus diesem Grunde den Namen eines göttlichen Gesetzes verdient, soll uns .aus den Nöten der Zeit den „Weg ins Freie" zeigen. Eine Befreiung im gewöhnlichen Sinn des Wortes wird es für uns Juden wohl niemals geben. Auch nachdem alle gesetzlichen Schranken gefallen sind, werden die Mauern des Übelwollens und des Vorurteils stehen bleiben. Aber es gibt eine innere Befreiung,-die wir in uns selbst finden, die kein Feind uns rauben kann. Nie sollen wir dem Gedanken Raum geben, mit dem Vaterlande rechten zu wollen, an unser Tun und Lassen den Maßstab von Leistung und Gegenleistung anzulegen. Wir sind dankbar für das geringste Zeichen menschlichen Verständnisses, menschlichen Wohlwollens, das wir auf der anderen Seite finden, wir sind in noch höherem Maße dankbar den Wenigen, welche sich in ihrem Gewissen gedrängt fühlen, für unser gutes Recht gegen die Schlammflut des Hasses und der Verleumdung einzutreten, wir wissen, daß ein außergewöhnlicher Grad von Mut dazu gehört, daß diese Männer sich damit in ihren Kreisen selbst den schwersten Anfeindungen aussetzen. Aber auch dann, wenn einmal ihre Stimme von dem antisemitischen Terror, von der antisemitischen Brutalität zum Schweigen gebracht sein wird, soll unser Verhalten nicht die geringste Veränderung erfahren. Als er griechische Philosoph Sokrates im Gefängnis seiner Hinrichtung entgegensah, sagte eines Tages sein Schüler Kriton weinend zu ihm : „Ach, Sokrates, daß du so unschuldig sterben mußt." Darauf erwiderte Sokrates mit dem heiteren Lächeln des Weisen, über welchem der Tod seine Macht verloren hat: „Aber, Kriton, sähest du es denn lieber,

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