Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 11-12 (November 1921)
- Date
- 1921-11-01
- Page
- Seite 217 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 217 — b£i eitler Gelegenheit wie der heutigen unsere Kinder für den Kampf ums Dasein, in den sie über kurz oder lang hinausgestoßen werden, zu wappnen, sie vor allen trügerischen Illusionen zu warnen, ihnen ein ungeschminktes Bild der Wirklichkeit zu geben. Und noch eines muß gesagt werden: Wir haben gesehen, wie sich die Welt zum Judentum stellt, wir müssen auch fragen, wie stellt sich das Judentum zur Welt? Ist es wahr, daß es Gleiches mit Gleichem vergilt, ist es vollends wahr, daß es durch sein eigenes Verhalten die Feindschaft der Welt herausgefordert hat? Wer mich kennt, der weiß, daß ich nicht zu denen gehöre, die das Judentum durch dick und dünn verteidigen, die nur seine Lichtseiten kennen und seine Schattenseiten grundsätzlich nicht sehen, nicht sehen wollen. Es würde doch aller menschlichen Erfahrung widersprechen, wenn in einem Schrifttum, welches eine in ihrer Art einzig dastehende Geschichte voll Blut und Tränen, welches ein beispielloses, vieltausendjähriges Martyrium widerspiegelt, gelegentliche harte, feindselige, leidenschaftliche Accente gegen die Pranger und Würger gänzlich fehlen würden. Und so finden sich denn nicht bloß im späteren, es finden sich schon im biblischen Schrifttum so manche Stellen, auf die der wahre Freund des Judentums gerne verzichten möchte, ich erinnere nur an die sogenannten Fluch- und Rachepsalmen, ich erinnere vor allem an das unglückselige Buch Esther, dessen rachedürstende Gesinnung erst wieder in dem Geist des Friedens von Versailles sein Gegenstück gefunden hat und dessen Aufnahme in den Canon der heiligen Schriften von jeher für verständige Juden, wie *für denkende Christen gleichermaßen ein Gegenstand des Anstoßes und des Bedauerns gewesen ist. Welchen anderen Schluß dürfen wir aber hieraus ziehen, als daß eben im Ubermaß des Schmerzes, im Übermaß der Erbitterung auch unter uns so mancher vom geraden Wege abgekommen und auf einen Abweg geraten ist. Das sind Einzelerscheinungen, das sind Ausbrüche des Hasses, die in bestimmten Zeitumständen, in bestimmten* geschichtlichen Vorkommnissen ihre Erklärung, wenn auch mit Nichten ihre Rechtfertigung finden. Der wahre Geist des Judentums liegt ganz wo anders. Soll ich Sie an die Tatsache erinnern, daß das Gebot „Liebe Deineti Nächsten wie Dich selbst" ein Gebot des alten Testamentes ist?. Freilich behauptet antisemitische Geschichtsfälschung, daß unter dem Ausdruck ^Nächster" nur der jüdische Stammes- und Glaubensgenosse zu verstehen sei. Wollen Sie den Beweis des Gegenteils. Als einmal ein Heide sich bei Hillel meldete mit der Erklärung, er werde zum Judentum übertreten, wenn jener im Stande sei„ ihm dessen Inhalt zu lehren, solange er auf einem Bein stehe,