Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 11-12 (November 1921)
- Date
- 1921-11-01
- Page
- Seite 212 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 212 — Und) nun das, Gegenstück aus unseren Tagen. Wiederum und irr ungleich stärkerem Maße als unsere Ahnen umgibt uns eine großartige weltliche Kultur von einer Tiefe und einer Ausdehnung, wie sie die Welt noch nie gesehen hat, und in deren Bildung und Förderung sich das deutsche Volk mit Fug und Recht eine der ersten .Stellen zuschreiben darf. Und diese Kultur ist nicht wie damals ein uns von außen als Fremdkörper aufgepfropftes Reis, nein, sie ist ein Stück unserer selbst geworden. Die Gedanken, die uns bewegen, die Sprache, die wir reden, sind deutsch, auf deutschem Boden erwachsen und von uns mit vollem Bewußtsein als deutsch empfunden ist das ganze staatliche und gesellschaftliche Leben mit allen seinen Ausstrahlungeft, denen sich keiner, er mag wollen oder nicht, zu entziehen vermag. Und so ist es denn auch vielfach gekommen, daß unser Judentum nicht nur von der Außenwelt als etwas fremdartiges empfunden wird, sondern daß es Juden gibt, welche unter dem Einfluß von Erziehung, Bildung, Anschauungsweise selbst dazu, gelangt sind, das Judentum, ihr Judentum als etwas Fremdartiges zu empfinden, daß sie ihm selbst innerlich fremd geWörden sind. Mehr als einer ist der von außen her an ihn herangetretenen Versuchung und Lockung erlegen und hat dem Glauben der Väter, welcher ihm vermeintlich nichts mehr zu sagen hatte, mit dessen überlieferten Formen er keinen Sinn mehr zu verbinden wußte, den Rücken gekehrt. Ob es ihm "Segen gebracht hat? Ob er auf der anderen Seite gefunden hat, was er auf dieser Seite vermißte? Es ist hier nicht der Ort, des Näheren über diese Dinge zu reden, wir sind nicht zu Herzenskündigern, wir sind nicht zu Richtern berufen. Wir können unserer Jugend nur das Wort zurufen, mit welchem Cornill den israelitischen Prophetismus gekennzeichnet hat, daß es gelte, das prophetische Judentum kennen zu lernen und daß dem Verständnis die Bewunderung und die Liebe mit Notwendigkeit auf dem Fuße folge. Wenn aber die moderne Kultur angesichts ihrer Gegensätzlichkeit zum Judentum an diesem nagt, wie die Meeresbrandung an den Felsen der Küste, so hat sich auch wiederum wie in alter Zeit ein offener Feind dazu gesellt, der mit brutaler Gewalt vorgeht, der aber auch eben deshalb den Zaghaften und Kleinmütigen den Rücken steift, der den Lauen und Gleichgültigen die Pflicht der Abwehr zum Bewußtsein bringt. Sie wissen, wen ich meine? Es ist der von Tag zu Tag mit immer stärkerer Wut einsetzende Antisemitismus. Seine Mittel sind andere als diejenigen, gegen welche die Makkabäer in den Kampf getreten waren. Sein Ziel ist dasselbe: Die Vernichtung des Judentums. Es mag vermessen, es mag, wenn Sie wollen, sogar frivol klingen, aber es muß doch gesagt werden: Wer