Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1921)
- Date
- 1921-10-01
- Page
- Seite 195 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 195 — ttmg hin „reinigte" man biblische und1 rabbinisch-talmudischfe Glaubensvorstellungen. Liegt in diesen Bestrebungen der richtige Weg? Wohl bin ich überzeugt, daß im Quellpunkt jüdischen Menschseins ein humaner,_Y£ahrhaft Menschheit umspannender Zug liegt, wie er gar nicht anders möglich bei seelischen Wesen von beispielloser Innerlichkeit . und Gefühlstiefe, so daß der fanatischste Jude von Hinterpodolien immer noch weltoffener und sittlich internationaler ist' als der durchschnittliche intellektuelle Deutsche arischen Geblütes. Aber e& ist — hier muß ich mich eben auf mein Empfinden verlassen, — ein anderes, die abstrakte Idee des ethischen Monotheismus und das unmittelbare Erlebnis eines .freiströ* menden weltumarmenden Menschentums. Von hierher, aus dem inwendigsten Gefühl der Propheten für den Sinn des Menschseins, das die Kruste aller Engherzigkeit durchbrach, ist in das jüdische Religionsbewußtsein jener universale Geist eingezogen, ohne den in unserer asiatisch-europäischen Kulturgenossenschaft ein Universalismus undenkbar ist. Wir müssen einsehen, daß der Lebenszusammenhang jüdischer Menschen und das eigentümliche geistig-seelische Gepräge der Einzelnen einen unmittelbar und nicht erst abgeleitet religiösen Faktor ersten Ranges bedeutet. Es ergibt sich daraus und zwar als praktische Konsequenz von ganz anderer Intensität als die ist, die aus philantropisch-humanitären Motiven die Sorge für die einzelnen geplagten Juden in der Welt auf unsere Schultern legt, daß wir in der wirklichen Ausführung des Klal-Israel-Gedankens eine erhabene religiöse Pflicht vollziehen. Das Judentum ist weder bloß eine Religion noch lediglich ein ethnisches Gebilde. Es ist ein Lebenszusammenhang, in welchem die Idee unmittelbar aus der seelischen Kraft dieses Lebens herauswächst. Machen wir uns das klar, so ergibt sich für die jüdische Religion ein ganz anderes Pathos der Empfindung als die liberalistische Theorie auslöst. Dieses ist Kühle, günstigstenfalls Enthusiasmus der Vernunft, wie er historisch etwa im französischen Revolutions-Rationalismus zu Tage getreten. Positivität des Daseins, Natürlichkeit, ursprüngliche, nicht erborgte Glut des Herzens ist bei den religiösen Liberalen nur vorhanden, wo sich die Reste eingeboren-jüdischen Empfindens errettet haben. Der jüdische Nationalismus verdankt seine Erfolge nicht dem allgemeinen Welt-Nationalismus, auch nicht dem Antisemitismus, auch nicht dem jüdischen Massenelend im Osten obwohl diese Momente selbstverständlich zu seiner Auslösung beigetragen haben — sondern der Tatsache, daß er Leben, Konkretheit, Wirklichkeit ist. Er scheint mir den religiösen Charakter des Judentums zu verkennen. Darum ist es