Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1921)
- Date
- 1921-10-01
- Page
- Seite 193 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 193 — telbar das Gefühl überflutende Überzeugung von der wirklichen Einheit des Menschengeschlechtes als wirklich Dasein gestaltendes Leben in die Sehlen der Menschen einzieht; das alles aber und .noch manches andere , als die Frucht einer Empfindung, die dem überwältigenden' G e f ü h 1 von dem einen Gott und seiner einen Menschheit entströmt. Wie gesagt, ich persönlich glaube nicht, daß das historische Prqphetentum mit diesen Bestimimungen kernhaft erfaßt ist, ich empfinde diesen Sinn in etwas Anderem, aber ich will zugestehen, daß sich darüber vielleicht diskutieren läßt. Worüber sich aber nicht diskutieren läßt, das ist das Folgende: Unmöglich, weil jeder geschichtlichen Erfahrung widersprechend, ist es, daß zuerst das Dogma, oder nennen wir es die religiöse Weltanschauung, erscheint, und daß auf Grund solcher über-, wiegend vorstellungshafter Fundamente irgendweich kräftiges Leben sollte aufgerichtet werden können. Die Verwunderung über die Indifferenz der sogenannten Liberalen ist gänzlich unverständlich. Diese Leute haben vollkommen recht, daß sie Aufklärung — und mag sie sich selbst auf Gott und die letzten Grundlagen des Seins beziehen — nicht aus einer irgendwie modernisierten, dem jeweiligen Stande der Wissenschaft angepaßten Religionstheorie schöpfen wollen, sondern sich lieber an die erste Quelle wenden an die Wissenschaft, von der diese „Religion" nur eine schlechte Copie wäre. Der Ausgangspunkt für eine religiöse Erneuerung des Judentums, welche die Sache eines wirklich liberalen, d. h. unstarren, lebendigen, immer wieder quellenden Geistes ist, liegt ganz wo anders. Man muß den jüdischen Geist in seiner konkreten Totalität verspüren. Es genügt nicht zuzugestehen, daß es überall Juden gibt, Menschen meines Blutes, um die ich mich selbstverständlich als Mensch wie als Jude zu kümmern habe; aber dann einzuschränken: ich habe mich nicht nur als Angehöriger dieses jüdischen Stammes zu fühlen, sondern auch — und als Liberaler ganz besonders — als Bekenner der prophetischen universalistischen Religion. Das ist falsch und wird durch den Gesamtverlauf der jüdischen Geschichte und durch den Mißerfolg.des bisherigen Liberalismuswiderlegt : Das Gefühl der Einheit mit ganz Israel ist eine im höchsten Maße r e 1 i g i ö s e Empfindung. Diese ausbrechen oder auch nur aus der zentralen Stellung im jüdischen Religionsbewüßtsein verdrängen zu wollen, wäre dasselbe wie ein Christentum ohne Christus. Man mag reformieren, soviel man wolle, z. B. ganz offiziell die Speisegesetze abschaffen, aber man kann nicht der Religion das Herz herausreißen und sich dann darüber wundern, daß sie nicht mehr