Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1921)
- Date
- 1921-10-01
- Page
- Seite 192 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 192 — iieüerten Christentum« machen, wie Calvin im folgerechten Bis-zu-Ende-Fühlen und Denken der mit dem Moment der absoluten Souveränität des Willensgottes gesetzten Idee zur furchtbaren Überspannung der Prädestinationslehre kömmt: •Vergleicht man lutherisches und reformiertes Dogma mitein7 ander und mit dem römischen und bezieht alle drei auf die Aussagen der abstrakten, der reinen „Vernunft",, so kann kein vernünftiger Mensch leugnen, daß man sich mit dem katholischen D o gma, gegen die protestantischen gehalten, so vorkommen müsse wie ein Nüchterner unter Trunkenen. So viel vernünftiger, wissenschaftlicher, rationaler erscheint der gedankliche Gehalt Roms gegenüber den anderen. Die Erneuerung war keine Läuterung der Weltanschauung, von Kultus und Sakramentenlehre, Dogma, obwohl das alles und vieles andere selbstverständlich hinterher kam; sondern sie war eine neue Lebendigkeit, ein junges Weben in göttlichem Geist, den man in seiner Echtheit und Offenbartheit unmittelbar verspürte. Erneuerte Religion war hier und muß immer «ein, die eine und selbige alte niemals sich wandelnde Gläubigkeit dei; Gewißheit des Ruhens im echten und wahrhaften von Gott geschenkten Leben. Dieses ist wie alles Leben und Fühlen irrational, schlechthin unableitbar. Nun zur Erneuerung der jüdischen Religion durch den rationalen Liberalismus, wie er seit Mendelssohn trotz dessen persönlich-orthodoxer, d. h.; das Traditionsgesetz respektierenden Haltung sich in keiner Weise geändert hat. Es ist, wie gesagt, ohne weiteres zuzugeben, daß man die Religionsiehren mit Auswahl betrachten und genießen darf. So wäre es grundsätzlich zulässig,, daß im Kampf zwischen Prophetis* mus und Talmüdismus, die sicherlich einen gewissen, aber genau zu begrenzenden und nicht zu übertreibenden Gegensatz bedeuten, der erstere mit aller Energie von uns ergriffen und zum Kern einer verjüngten Glaubensgesinnung gemacht wird. Aber die allererste Voraussetzung ist nicht erfüllt, und trotz aller Verrottung und Erstarrung stellt die Orthodoxie, selbst Breuerscher Observanz, so unerträglich sie an sich ist, viel deutlicher die Züge eines wirklich religiösen Lebens dar als noch so sympathische Erscheinungen im liberalen Lager. Denn hier ist — wenigstens in gewisser Weise -— ganz bestirrtmit Leben, und dort — ist günstigenfalls Denken über die Religion vorhanden, Stolz auf ihre Vortrefflichkeit, ihre Weisheit und Vernünftigkeit. Eine Erneuerung der prophetischen Religiosität mußte nach Abzug dessen; was auf die Rechnung der sich .nicht wiederholenden genialen Persönlichkeiten zu setzen ist, darin bestehen, daß ein wahrer, Berge versetzender Enthusiasmus, ein zu schwerstem persönlichen Opfer bereiter sittlicher Wille, die unmit-