Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1921)
- Date
- 1921-10-01
- Page
- Seite 191 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 191 — jnus wendet. Es gibt keine wissenschaftlich haltbare Religion im Sinne einer Erkenntnis von den religiös wichtigen Dingen/ sondern nur die historische Disziplin der Religionswissenschaft, die sich mit. den Kundgebungen, der Entfaltung und Geschichte des r e 1 i g i ö s e n Bewußtsein s befaßt. Ünd damit kommen.wir zum zurückgestellten Punkte, zum Inhalt. Es wird hier keine Definition des religiösen Bewußtseins gegeben. Die Darstellung wird das klarlegen. Es ist ■— um es vorläufig zu bestimmen — eine gewisse Art von Leben, hinter das keine Erkenntnis begründend zurückgreifen kann, weil alles Erkennen seinen Inhalt immer dureh die Objektivierung oder zum Behufe ihrer, fest, starr, unlebendig; tot macht. Religiöses Leben ist in seiner fundamentalen Gestalt das unmittelbare Gefühl des Zusammenhangs mit dem Absoluten, dem Göttlichen, das in der Empfindung der Offenbarung erlebt wird. Unter Offenbarung wird hier das Wunder selbst verstanden. Und wenn die alten Urkunden Alten wie Neuen Testaments mit Vorliebe beim Wunder verweilen, so geschieht es nicht darum, weil sich ihnen die Unverbrüch^ lichkeit des naturgesetzlichen Mechanismus noch nicht aufgedrängt hat, sondern weil — wenigstens in den wichtigsten Fällen — die religiöse Frische der Propheten und Heiligen die eben in dem „Wunder" zum Ausdruck kommende Offenbarung Gottes erfuhr. (Daß damit nichts über die Überlieferung der Wundergeschichten oder gar über die „wissen-r schaftliche" Feststellbarkeit und empirische Realität der Wunder ausgesagt sein soll, bedarf wohl keiner Betonung.)' Wichtig für uns ist, daß religiöses Bewußtsein Leben, absolutes Sein, naturhafte Selbstempfindung ist, das meinetwegen bei den Epigonen in Ritus, Kultus, Opfer sich einen Weg zur Betätigung bahnen mag; nie aber anders als sekundäre Weltanschauung, Gotteslehre, Theorie, Metaphysik, Theologie, liberale oder orthodoxe, bedeuten kann. Wer das nicht festhält, wird nicht verstehen können, was religiöse Erneuerung ist und wie wir zu ihr gelangen. Die gewaltigste religiöse Erneuerung, an deren Betrachtung man den Schritt des religiösen Geistes klar überblicken kann, ist die Reformationsbewegung in der abendländischen Kirche. Was bedeutet der reformatorische Geist? Luther oder Calvin besinnen sich — dies in der Bedeutung instinktiven Erlebens, was aber gar nicht den sofort erfolgenden theologisch-dogmatischen Ausbau des gleichsam geronnenen Erlebnisses ausschließt — auf das ursprünglich in der Offenbarung Christi sich gebende Wesen der Religion. Da dieses mWesen" ein höchst komplexes Gebilde ist, kann Luther die seiner Natur gemäße paulinische Gnadenlehre zum Fundament seines er-