Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1921)
- Date
- 1921-10-01
- Page
- Seite 190 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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190— •I)e^''%^e'-ittii8:- vor allem auf den Inhalt zielen und hat mit V^istsenscft^ nur abgeleiteter Weise etwas zu schaffen. Um das zweite vorweg zu erläutern: Die meisten Intellektuellen empfinden, als den Hauptmangel jeder positiven Religion ihre wissenschaftliche Schwäche, sei es in Hinsicht auf den dogmatischen Gehalt, der unbeweisbar, wenn nicht geradezu widersinnig sei, oder in Rücksicht auf fundamentale historische Momente, nämlich die traditionellen,, mit kanonischer Autorität ausgerüsteten Lehrmeinungen über Entstehung, Entwicklung, Gestaltung der in der „Offenbarung" ursprünglich gegebenen religiösen Idee und der Geschichte ihrer Träger und Verbreiter. Den ersten philosophisch-theoflogischen Fehler, der offenbar der entscheidende ist, glaubt der Liberalismus, ein Alterssprößling des Ratio* nalismus aus dem 17. und 18. Jahrhundert^, dadurch beheben zu können, daß er den Glaubensgehalt zu vereinfachen, zu „reinigen" strebt, daß er gewisse höchst positive und irrationale Momente, z. B. die prophetische I^schatologie, messianisehen Gedanken umdeutet, und aus ihnen etwa einen weltgeschichtlichen Optimismus destilliert. Aber selbst wenn man die sachliche Zülässigkeit solcher Interpretation zugibt, ja in dem Übergang von den zufälligen, geschichtlich bedingten Ausdrucksgestaltungen etwa der prophet. Religionslehren zu universal humjaner Geltung gerade die Überhöhung eines -tieferen Standpunktes erblicken möchte, scheitert der Versuch,, auf diesem Wege zu einer Erneuerung der Religiosität zu gelangen, an dem Grundirrtum; des Ausgangspunktes, an dem Glauben, daß es möglich sei, die Religion in ihrem Kern durch Wissenschaft zu kurieren. Diese ist ein treffliches Hilf mittel — eines von vielen! — um verrottete Bräuche ab* zustellen, den Kultus zu reformieren, uns durch Offenbarung verschütteter Gedanken aus unserer Geschichte zu erbauen und zu trösten, ja zu verjüngen. Aber sie kann uns keine neue Frömmigkeit schenken, wenn wir die alte verloren haben. Und zwar aus dem sehr einfachen Grunde, weil die Religion, welche sich ihren Gehalt von der Vernunfterkenntnis, bestätigen und kontrollieren läßt, durch eben diese Wissenschaft überflüssig gemacht wird. Seit Moses Mendelssohn hat sich ein, seltsamerweise auch von den Rabbinern oft gehegter Stolz im deutschen Judentum herausgebildet, daß dieses aufs trefflichste mit der Wissenschaft harmoniere. Diesen Stolz kann ich nicht teilen, sondern sage mir von meinem religiösen Emipfinden her, wie kraft meiner Einsicht in das Wesen der wissenschaftlichen Erkenntnis: Fr. H. Jacobi hat Recht: ein bewiesener Gott ist kein Gott. Es ist zu beachten,, daß Kants berühmte Widerlegung der Gottesbeweise sich nicht gegen die positive Dogmatik, sondern gegen den Deis-