Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 9 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 184 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Man hat freilich in neuerer Zeit den Versuch gemacht, diese Stagnation in der Entwicklung zu rechtfertigen. Man spricht da von einem G « f ü h 1 s judentum, von einem W i 1 - len s judentum und von einem irrationalen Judentum; alles Begriffe, die wohl bei solchen Religionen berechtigt sind, wo tatsächlich gewisse intellektuelle und moralische Anomalien durch ein kulturelles Deckmäntelchen zugehängt werden sollen. Wer aber davon durchdrungen ist, daß den größten Vorzug des Judentums zu allen Zeiten sein Vernunftcharakter bildete, der kann in solchen Rettungsversuchen nur einen ausgesprochenen Mangel geschichtlichen Empfindens erblicken. Wenn man gar bedenkt, daß in demselben Jahre, in dem Hermann Cohens Buch „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums" erscheint, gerade die „Unvernunft" als Rechtfertigungsinstanz des liberalen Judentums angerufen wird, da möchte man an der Entwicklungsmöglichkeit des liberalen Judentums schier verzweifeln. Und doch liegt es uns fern, hier eine mala fides annehmen zu wollen, sondern es ist der große Fehler, der bereits auf den theologischen Hochschulen begangen wird: Die völlige Ignorierung einer philosophischen und systematischen Begründung des Judentums. Man kann eben weder mit Philologie noch mit Historie eine geistige religiöse Bewegung kulturfähig gestalten, sondern man muß vor allen Dingen rein gedanklich den Grund für Religion und Weltanschauung bestimmen. Denn wie sollte es möglich sein, sowohl seinem eigenen Ich als seiner Mitwelt die Berechtigung der „religiösen Richtung klarzumlachen, wenn man nicht weiß, in welchen Provinzen des Bewußtseins eine Überzeugung verwurzelt ist. Wie sollen wir unseren Gegnern auf religiösem und politischem Gebiete die Vorzüge unserer Religion ins rechte Licht rücken können, wenn wir der gedanklichen Mittel bar sind, die die Priorität unseres Glaubens beweisen sollen! Glaubt wirklich jemand, daß der gefühlsmäßige Appell an rein geschichtliche und völkische Instinkte genügt, um die aktuelle Berechtigung einer Religion zu begründen? Nicht ein einziger von all den Fahnenflüchtigen läßt sich durch solche Momente bestimmen, von seinem Vorsatze abzusehen. Schwerlich werden auch bei solchen Elementen die rein rationalen Gründe eine Änderung ihres Entschlusses hervorrufen, aber die Abtrünnigen werden sich dann nicht mehr mit der Begründung entschuldigen können, das Judentum sei eine minderwertige Kulturerscheinurig. Diese neue gedankliche Begründung ist es, was uns nottut. Sie ist im Judentume in all seinen Kulturepochen in Erscheinung getreten; sie ist sowohl von den hellenistischen wie von den spanischen jüdischen Denkern angeregt