Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1921-09-01 · Heft 9 (September 1921) · p. Seite 183

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1921
Issue
Heft 9 (September 1921)
Date
1921-09-01
Page
Seite 183 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2550626-2550646-2550655--492-2551223
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

"^•IJ>W".-< v«^,«xh>.--xv« * -^,vr ......et- -v - ______, , — 183 — Zeitschriften, aber alle diese Publikationen bestätigen mir den Untergang der liberalen Bewegung. Was war die Ursache dieses Absterbens? Die Antwort ist leicht zu finden; Nirgends in den vielen Aufsätzen, die seit der Zeit erschienen sind, ist ein zentraler Gedanke zu erkennen, aus dem sich das liberale Judentum entwickeln könnte. Nichts als mehr oder weniger geistvolle Gedanken und Einfälle, die weder mit der Geschlossenheit einer konservativen noch der einer zionistischen Anschauung konkurrieren könnten. Das weitaus größte Manko liegt in dem Fehlen eines freien offenen Bekenntnisses einer wahrhaft liberalen Gesinnung, 'in der Kluft zwischen Sollen und Wollen, zwischen Idee und Wirklichkeit. Was für einen Staub wirbelten zurzeit die Richtlinien in konservativen und halbkonservativen Kreisen auf, und wie wenig begründet war diese Aufregung! Denn kaum einer der liberalen Rabbiner dachte daran, diese Richtlinien in die Praxis überzuführen. Es wäre dies auch ein gänzlich verfehltes Beginnen gewesen, denn so systemlos wie diese wurde kaum jemals eine Bewegung proklamiert. Ebenso wenig systematische Begründung ist in den Wahlaufrufen der liberalen Großgemeinden zu finden. Seit 20 Jahren paradiert in ihnen der Begriff der-E ntwicklung, ohne daß man sich einen Vers zu diesen Begriffen machen könnte. Dabei der Mangel an Mut, die Angst vor der.eigenen Courage. Ewig werden Paktierungversuche unternommen, und was in dem einen Aufruf als sakrosankt gilt, das verfällt in den nächsten Aufrufen bereits wieder allgemeiner Ablehnung. Nur. das eine bleibt stets das Gleiche: Die Angst vor dem Zionismus. Der Kampf gegen diesen geschieht zwar auch nicht nur der Sache wegen, sondern aus diplomatischen Erwägungen "heraus, man könnte ja in den Augen nicht deutscher Mitbürger als antideutsch erscheinen! Es ist die Politik der kleinen Mittel, die immer da einsetzt, wo der große strategische Gedanke fehlt. Die Folgen zeigen sich darin, daß sich der ewige Kampf nur zwischen einer kleinen Gruppe und den Angegriffenen, abspielt, ohne daß es je gelänge, auch nur den geringsten Eindruck bei der großen Masse zu erwirken, oder die gebildeten Kreise aus ihrem Indifferentismus aufzurütteln. Man kann deshalb heute die Behauptung wagen: Seit Abraham Geiger ist der Liberalismus nicht nur nicht vorwärts gekommen, sondern er befindet sich trotz aller Richtlinien — in einer dauernden Rückwärtsrevision. Oder wollte jemand leugnen, daß in der Praxis der Unterschied zwischen einem liberalen und einem konservativen Theologen auf ein Minimum zusammenschrumpft«?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.