Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1921-09-01 · Heft 9 (September 1921) · p. Seite 178

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1921
Issue
Heft 9 (September 1921)
Date
1921-09-01
Page
Seite 178 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2550626-2550646-2550655--487-2551218
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 178 — im Handumdrehen zur Forderung des Judenstaats, die heilige Sprache wird in einen profanen Dialekt umgewandelt, in alte Formen wird neuer Geist gegossen, ganz neuer Geist, der Nationalismus des neunzehnten Jahrhunderts! Forderungen werden erhoben, wie die Hebräisierung der Massen in der Diaspora, die nationale Autonomie, die schon in der Theorie öl ins Feuer des Hasses gießen und den Juden vieler Länder das einzige feste Fundament der Stellung, die Gleichberechtigung, untergraben. Jede Phase des antisemitischen Nationalismus findet ein Gegenstück im Judentum. So wird die Gemeinschaft abhängig von der Außenwelt und ihrer Politik, also von einem Relativen und Zeitlichen, das mit dem Wesen des Judentums nichts zu tun hat. Nur wenn man den Antisemitismus und damit den Menschenhaß als einen notwendigen Teil der Weltordnung anerkennt, erhält der Nationalismus Ewigkeitswert. Steht schon fest, daß im Judentum nur Religion oder Nationalismus herrschen kann, so ergibt sich ferner, daß erstere ihren ewigen Wert in sich trägt, daß letzterer aber nur eine jüdisch frisierte Nachahmung eines an sich verderblichen Irrwahns der Völker ist, ein Zeitgebilde von unzweifelhaftem Unwerte. Ihn zum Kriterium des Judeseins machen, heißt Ewigkeit opfern um der Kleinlichkeiten der Zeit willen, heißt das Judentum herabwürdigen zum Träger eines vielleicht etwas gemilderten aber dennoch im Prin« zip vorhandenen Machtnationalismus, dem noch dazu wegen seines Mangels an realer Kraft der Fluch der Schwäche — in der Politik ist Schwäche eben imlmer ein Fluch — anhaftet. Gelänge es dem Nationalismus tatsächlich, Ausdehnung innerhalb der Judenheit zu gewinnen, so wäre das der Untergang, denn in Zeiten eines allgemeinen Rückganges nationalistischen Denkens, der durchaus im Bereich der Möglichkeit steht, wäre das Judentum des national beeinflußten Teiles einfach geschwunden. Noch unversöhnlicher steht aber der Liberalismus dem Nationalismus wegen der Einflüsse gegenüber, die dieser auf die Lehre hat. Sie ist über die Zeit erhaben, und soi wenig auch praktisch die Geschehnisse unserer Tage uns dazu ermutigen, wahr bleibt es, daß das Judentum universalistisch ist und die Zeit des Messias herbeisehnt, die alle nationalen Machtgelüste schwinden macht. Das Judentum kündet den Weltengott, eine allgemeine, alle Welt verbindende Ethik, und die sogenannte Mission des Judentums — das Wort ist freilich nicht übermäßig gut gewählt, — ist keineswegs eine Erfindung der modernen Rabbiner, sondern eine auf den Prophetismus, besonders den zweiten Jesaja zurückgehende Anschauung, die man auch im Mittelalter (Jehuda Halevi) lehrte. Es ist zwar schon angeführt worden; daß ein gleichberechtig-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.