Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 9 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 177 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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— 177 — einflußte Entwicklung des ethischen Ideals. Nur ein Kriterium kann das Judentum haben, das religiöse oder das nationale. Nur eins kann herrschen, und darum bedeutet der Sieg der nationalen Idee den Untergang der Religion. Mag auch der nationale Politiker noch so sehr auf religiösen Brauch und Inhalt wohlwollende Rücksicht nehmen, sie verrät sich selbst als Toleranz, und die Rolle der geduldeten Dienerin kann die Religion im Judentum nicht spielen. Wer recht hat, sei hier noch nicht behandelt, aber religiöses Judentum — der wohlverstandene Liberalismus ist, eben lediglich eine religiöse Bewegung — und nationales schließen sich aus und müssen sich naturgemäß bekämpfen. Diesen Streit aber trägt das religiös e Judentum mit dem besseren Rüstzeug aus. Für den überzeugten Gläubigen jeder Richtung bedarf das keiner Begründung, denn ihm ist göttliche Offenbarung der Quell alles Jüdischen. Aber selbst für den kühler beobachtenden objektiven Historiker weist jüdische Geschichte einheitlich die unbedingte Vorherrschaft religiöser Antriebe. Weder im innerlichen Geschehen noch im Eindruck auf die Welt zeigt sich eine Spur von anderen Mächten. Es sei nicht bestritten, daß unter dem schützenden Mantel der Religion sich kulturelles Eigenleben bildet, aber die Verschiedenheit seines Wesens und seiner Formen — es entsteht überall in anderer Gestalt durch Assimilation, hält aber die von der allgemeinen Entwicklung bereits überwundenen Kulturformen mit Zähigkeit fest, so absondernde Eigenart gewinnend — weist gebieterisch darauf hin, daß keine einheitliche nationale Tendenz ihm zugrunde liegt. Und seine sofortige Auflösung beim Schwinden des religiösen Lebens zeigt durch das Fehlen der Selbsterhaltungskraft und des Gestaltungsvermögens, daß nur pseudonationale Erscheinungen im Judentum sekundär auftreten. Weist nun jüdische Lehre, jüdisches Leben und das aus der Lehre geschöpfte Zukunftshoffen seit tausenden von Jahren völlig religiöses Gepräge auf, so liegt die Entstehungszeit des Nationalismus uns viel näher. Er ist lediglich eine im neunzehnten Jahrhundert durch Assimilation hervorgerufene Reaktion auf den Judenhaß! Die Emanzipation hob den Juden aus seiner Helotenstellung, er war nicht mehr duldendes Objekt der Geschichte, sondern setzte ^sich gegen Verfolgungen zur Wehr. Seine Kampfesmittel wurden naturgemäß von denen des Gegners beeinflußt, und so. trat auch die nationalistisch-völkische Bewegung, diex sich auf Rassenzusammengehörigkeit aufbaut, getreulich im jüdischen Lager auf. Sie stützt sich freilich auf jüdische Formen. Die alte Zionssehnsucht, der jedes politische Begehren fehlt, wird