Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 9 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 175 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2550626-2550646-2550655--484-2551215- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 175 — § nun einmal sein voraussichtlich ewiges Schicksal ist, begünstigt und damit die erste Voraussetzung für jede jüdische Arbeit, die Gleichberechtigung, gefährdet, daß er durch Untergrabung dieser Gleichberechtigung die religiöse, politische und wirtschaftliche Freiheit der Judenheit ins Wanken bringt, sind Thesen, die hier nicht behandelt sein wollen, weil ihre Richtigkeit sich lediglich aus politischen Erwägungen ergibt. Daß ein Nationalismus, der mit nationaler Autonomie spielt, Kräfte vortäuscht, die nicht vorhanden sind und demnach durch wortreiche aber ohnmächtige Demonstrationen die Völker reizt, den Juden aber unsagbaren Schaden zufügt, ist eine Tatsache, die durch die Geschichte der letzten Zeit in der Tschechoslowakei, in der Ukraine und in Polen bewiesen wird. Vom Standpunkte der Politik und des gesunden Menschenverstandes wie von dem der wirtschaftlichen Bedürfnisse der Judenheit lassen sich so eine große Menge von Bedenken gegen den Nationalismus herleiten, die hier indes übergangen werden sollen. Es bleibt gewiß jedem Geschlechte unbenomtnen, überkommene Begriffe umzugestalten und sie mit dem Geiste einer neuen Zeit zu erfüllen. Für den historisch denkenden Beobachter ist aber das Wort „jüdisch" in seiner Bedeutung so eindeutig festgelegt, daß ein „jüdischer Nationali s m u s" wie eine contradictio in adiecto erscheint. Was ist Judentum? Darf man kurzweg sagen, es sei Religion? Ist der Begriff „Religion" aus der allgemeinen Religionsgeschichte durch Betrachtung anderer Glaubensbekenntnisse entstanden, so paßt er auf das Judentum gewiß nicht. Denn vom Judentum ist die Judenheit nicht zu trennen; diese besitzt die Bindung der gemeinsamen Abstammung — um das zweideutige Wort „Rasse" zu vermeiden — und die einheitliche Leidensgeschichte von Jahrtausenden hat ein Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugt, das umso stärker fortwirkt, je miehr es täglich aufs neue erzeugt wird. Dennoch aber ist das Judentum insoweit Religion, als das Glaubensbekenntnis charakteristisches Kennzeichen des Judeseins ist. Wer sich taufen läßt, will nicht ein Glaubensbekenntnis innerhalb des Judentums aufgeben, sondern er tritt aus der Gemeinschaft aus. In der ganzen Weltgeschichte gibt es kein Beispiel, daß Juden, selbst wenn sie wie die Marannen durch Zwang getauft wurden, sich dauernd als der jüdischen Gemeinschaft angehörig gefühlt hätten. So ist Judentum gewiß nicht bloße Konfession, aber ein Judentum ohne Religion ist ein Unding! Diese historische Tatsache leugnet der Nationalismus, indem er an Stelle des religiösen Kriteriums das nationale . setzt. Methodisch kann er freilich die Grundlage der Nation