Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 9 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 172 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 172 — bensvorstellung oder als geschichtlich bedingte Erscheinungsform an. Wir müssen demnach das. liberale Judentum definieren als diejenige Auffassung oder Ausprägung des Judegtums, die das Wesen unterscheidet von der Erscheinung, im Gegensatz zu jener anderen Auffassung des Judentums, der im Judentum alles, auch die geschichtlich bedingten Erscheinungsformen, auch die kleinsten traditionellen Bräuche wesentlich erscheinen. Indem wir dieses Wesentliche des Judentums nachdrucksvoll hervorgehoben und uns dazu bekennen, glauben wir nicht nur dem persönlichen religiösen Verlangen des Einzelnen gerecht zu werden, sondern dem historischen Judentum selber zu dienen. Um die WerbekraTt des Judentums zu steigern, um unsere Jugend an unser Judentum zu fes» sein, bekennen wir uns zu dem glanzvollen Judentum, das die funkelnde Krone und den purpurnen Königsmantel der Psalmisten und Propheten trägt, das den messianischen Weltgedanken der Völker- und Menschenverbrüderung auf seine glorreichen Fahnen schrieb. Dieses prophetische Judentum mit seinen ewigen religiösen Wahrheiten, seinen sittlichen Grundgeboten und sei» nen leuchtenden Hoffnungen trägt nach unserer heiligen Überzeugung allein die Kraft in sich, die Teilnahmlosen zu gewinnen, die Schwankenden zu stützen, die Lauen zu entflammen. In innigstem Zusammenhang mit diesem Glauben an die weit er lös enden Ideen unserer Religion steht als gleich wesentlich der Glaube an unsere religiöse Gemeinschaft als Trägerin dieser Ideen. Dieser Glaube ist unsere Existenz« berechtigung und Verpflichtung. Wir glauben und müssen den Glauben unseren Kindern in die Seele schreiben, daß wir nicht durch Zufälligkeit der Geburt, sondern durch die Vorr sehung auf unseren Posten in der Geschichte gestellt sind. Betrachten wir es als eine Zufälligkeit, daß wir als Kind in diese Familie hineingeboren wurden? Hat nicht Gott in dieser Familie, neben Va* ter, Mütter und Geschwistern unsern Platz uns gegeben? Hat er uns durch die Geburt nicht eine Pflicht auferlegt gegenüber Vater, Mutter und Geschwistern? So hat Gott, wenn er uns in diese religiöse Gemeinschaft hat hineingeboren werden lassen, uns sittliche Pflichten gegenüber der Glau» bensgemeinschaft auferlegt. Und wenn w i r nicht der Glaubensgemeinschaft bedürften, die Glaubensgemeinschaft bedarf unse r. Wir sollen die Gebenden sein und nicht dasitzen in der Erwartung, zu empfangen. Und indem wir geben, empfangen wir. Wir