Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 9 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 171 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2550626-2550646-2550655--480-2551211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
tiven Religion auflehnt, alle Schuld an dem jeweiligen sündigen Geschlecht der Gegenwart, oder an der positiven Religion, daß sie es versäumt hat, oder da die Religion nichts versäum^* kann, da ihre berufenen Vertreter es versäumt haben, mit dem durch Wissenschaft und Leben veränderten persönlichen religiösen Bedürfnis Fühlung zu nehmen? Hier scheiden sich die Wiege zwischen Orthodoxie und Liberalismus. Die echte Orthodoxie beugt sich mit Preisgabe ih.-es persönlichen Verhältnisses zur Religion, sehr oft mit Preisgabe der von Gott gegebenen Vernunft der absoluten Autorität der Vergangenheit und nennt jedes Suchen Gottes auf neuen Wegen, jedes Zusichkomrnen der Vernunft gegenüber dem, was die Autorität überliefert hat, Auflehnung und Sünde. Der Liberalismus macht sich, wie schon der Name be« sagt, frei von der absoluten Autorität der Vergangenheit und erkennt dem Subjektivismus der einzelnen Persönlichkeit die Berechtigung innerhalb der Religion zu. Aber nicht die Alleinberechtigung; denn die Alleinberechtigung des Subjektivismus, mit vollkommener Abwendung von der positiven Religion, wäre Radikalismus, religiöse Anarchie, aber nicht Liberalismus. Der Liberalismus erblickt in der überlieferten Religion seine Wurzel, aber nicht seine Fessel. Er gräbt m seiner eigenen Religion nach den verschütteten Fundamenten. Er sucht in allen geschichtlichen Erscheinungsformen nach den letzten Tiefen und dem ewigen Sinn aller Religion. So findet der echte- Liberalismus das W e s e n der Religion und lernt dadurch in der eigenen Religion das Ewige vom Vergänglichen, das Bleibende vom Wandelbaren und Vergänglichen zu unterscheiden. . Was in unserer Religion das Siegel des Göttlichen an sich trägt, was Wahrheit geblieben ist durch alle Zeiten und Geschlechter, was die Geister und Herzen der Menschen gewonnen hat und immer wieder aufs neue gewinnt, was als sonnige^s Zukunftsbild durch die Träume der Menschen zieht, was von Uranfang die geschichtliche Bestimmung in sich trug, Weltreligion zu werden: die ewigen Wahrheiten und die sittlichen Grundgebote, das ist das Wesen der jüdischen Religion. Was hingegen geschichtlicher Ausdruck, äußere Erscheinung und Ausprägung, Sinnbild und Gestaltung, sei es des religiösen Gedankens, sei es der religiösen Forderung, ist, das sieht die liberale Auffassung des Judentums nicht als Wesen, sondern als geschichtlich bedingte Glau-