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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1921-09-01 · Heft 9 (September 1921) · p. Seite 170

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Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1921
Issue
Heft 9 (September 1921)
Date
1921-09-01
Page
Seite 170 (sequence 6)
Language
German
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— 170 — Denn die Kultur überliefert uns nicht nur das Gute, das Schöne, das Wahre, das die Menschheit im Laufe der Geschichte aufgespeichert hat, sondern auch das Schlechte, das Häßliche, .das Heuchlerische. Nicht nur von der Jurisprudenz, sondern von allen idealen Kulturgütern und nicht zuletzt von der Religion gilt das Dichterwort: «Es erben sich Gesetz und Rechte Wie eine ewge Krankheit fort;--r —- Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage; Weh difY daß du ein Enkel bist! Vom Rechte, das mit uns geboren ist, Von dem ist, leider! nie die Frage." Ja vom Rechte und der Freiheit des „Ich* V von dem Recht und der Pflicht der persönlichen Religion, von dem ist leider — wir wollen nicht sagen nie, aber wenig die Frage. Und doch entspricht die überlieferte positive Religion nicht in allen Dingen dem persönlichen religiösen Verlangen. Dem Besten, was wir von der Vorzeit empfangen haben, haftet menschliches, allzumenschliches an. Oft ist die Kruste so dick, daß wir durch sie nicht auf den Inhalt schauen können, oft ist die Schale uns so wert gemächt worden von denjenigen, die uns lieb und teuer sind, daß wir vor lauter Schale nicht zum Kern gelangen. Oft ist die äußere Erscheinung — vor allem in der Religion, in der mit der Zeit alles heilig wird, uns so heilig geworden, daß wir vergessen, daß die Erscheinung nicht das Wesen ist. Solange wir unmündig sind, stehen.wir unselbständig der ganzen Fülle und Wucht der Vergangenheit, die uns vom Tage unserer Geburt an in ihre Netze spannt, gegenüber. Manche bleiben ihr Leben lang unter dieser Vormundschaft der Vergangenheit. Bei den anderen aber kommt einmal der Augenblick, da sie zu sich selbst erwachen, zu ihrer eigenen Persönlichkeit; da sich das Ich losringt von der tyrannischen Bindung der Vergangenheit da die Seele frei werden will, um auf eigenen Wegen die Wahrheit zu suchen. Indem der Mensch so zu den letzten Urgründen der Religion hinabsteigt, seine persönliche Frage an die Religion stellt, siein religiöses Bedürfnis mit den Leistungen der positiven geschichtlichen Religion vergleicht, entsteht beinahe in allen Fällen eine Disharmonie zwischen subjektiver Forderung und objektiver Erfüllung. .Liegt diese Unstimmigkeit im Wesen der Religion? Muß es so sein, daß die überlieferte Religion in vielen Dingen nicht als Wohltat, sondern als Plage, nicht als Vernunft, sondern als Widersinn empfunden wird? Liegt wirklich, wenn sich das Denken und Tun gegen viele Forderungen der posi-

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