Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands · 1921-09-01 · Heft 9 (September 1921) · p. Seite 169

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
Volume
1921
Issue
Heft 9 (September 1921)
Date
1921-09-01
Page
Seite 169 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2550626-2550646-2550655--478-2551209
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 169 ~ einstecken konnten. Wenn sie jetzt versagen in dem Ziem, das das unsere ist, in dem jüdischen Hause, bei der Erziehung des jüdischen Kindes im Lehrhaus und im Gemeindehaus, dann mag die eiserne Walze der Vergessenheit über sie hinweggehen. „Ihr Name soll nicht genannt werden!" Wir aber wollen mit der Zuversicht in das neue Jahr hineingehen, daß die wenigen begeisterten, ihrer Gemeinschaft frohen Juden unserer Gesinnung, mögen sie weiße oder dunkle Haare haben, daß diese jungen Juden den erschütternden Mahnruf der Feste in sich, verspüren mögen* Gott hat es Abrahani verheißen: „Ich werde nicht zerstören um dieser 10 willen"; und so laßt uns hoffen, daß ein „heiliger Rest" auch im deutschen Judentum genug Glut entfachen möge, um das Unglück zu verhüten, daß unsere Seele heimatlos werde, weil man ihnen ihr Judentum, die Möglichkeit jüdischen Lebens in jüdischer Gemeinschaft genomtmen hat. Sinn und Forderung des liberalen Judentums, Von Rabbiner Dr. C. Seligmann (Frankfurt a. M.). Wenn wir die dunkle Fr?ige nach der ersten Entstehung des Glaubens in der Menschheit beiseite lassen und fragen, wie heute der Glaube an jeden Menschen kommt, so ist gewiß, daß der Glaube den heutigen Menschen und in allen^ geschichtlichen Zeiten von anderen Menschen mitge- . teilt, überliefert worden ist. Wenn jeder von uns hinabsteigt in die Vergangenheit bis dahin, wo die Erinnerung sich im Dämmertraum der Kindheit verliert, so sehen wir eine Mutter an unserem Bettchen stehen, die uns zum ersten Male den Namen Gott vorsagt und uns die Hände zum Gebet falten lehrt. Durch Mutter und Vater, durch Geschwister, durch Lehrer und durch. Lektüre haben wir tatsächlich zuerst von5 Gott und der Religion erfahren, lange ehe war zu einem eigenen selbständigen Standpunkt der Religion gegenüber erwachen. Also ist in allen geschichtlichen Zeiten die Religion durch Überlieferung, durch Geschichte entstanden. Und so sind wir alle Erben einer geschichtlichen Religion, eine gegebenen positiven Religion. Wir haben uns unsere Religion nicht selbst geschaffen, sondern wir sind in dieselbe hineingeboren, hineingewachsen, ebenso wie wir Erben aller Kulturgüter sind, die wir von unseren Vätern ererbt haben. Diese ganze Kultur, zu der auch die Religion gehört, ist auf der einen Seite, unser höchstes Gut, auf der anderen Seite unsere schlimmste Lebenshemmung und tiefste Unfreiheit.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.