Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 7 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 133 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2550626-2550646-2550653--444-2551173- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 133 — zweite Fassung mehr sein können; sind doch ihrem positiven Streben und Schaffen hier die höchsten Ideale gesetzt. Uns braucht die Verschiedenartigkeit der Anschauungen, die aus beiden Fassungen spricht, nicht mit Trauer darüber zu erfüllen, daß wir eine der Fassungen als die uns ent» sprechende wählen müßten. Denn füruns gibt es nur ein Sabbatgebot! Die Gedanken der- Bücher Exodus und Deuteronomium widersprechen sich ja nicht; sie ergänzen sich nur auf das Vortrefflichste. Und so steht vor uns eine Idee, die dieselbe Vielseitigkeit hat wie die Bibel überhaupt, die eigentlich allumfassend ist: sie steigt von der Macht Gottes im Weltall auf zur Vollendung der Ethik im Menschen. Sie betont die Herrlichkeit des Schaffens, und doch gebietet sie die Ruhe des wahren Feiertages. Sie predigt den höchsten Sozialismus, und doch weist sie auf die Individualität des Verhältnisses Mensch zu Gott hin. Wie bei den ganz großen Kunstwerken, bei deren Betrachtung wir gar nicht aufhören können, ne.ue Schönheiten, neue Gedanken und Motive zu entdecken, die uns in jeder Lebenslage und in jedem Lebensalter immer in anderer, aber doch stets in erhabener Gestalt gegenübertreten, so ist es auch hier. Vor den ewigen Weiten dieser Gedanken können wir nur erschüttert verstummen. „Gott". Von Egon Diekmann. „Wer ist Gott? — Was ist Gott? — Was soll ich mir Vinter Gott vorstellen? Die Fragen sind gestellt und mancherlei ist schon darauf geantwortet worden. Auch mir sei es vergönnt, einige Worte darüber zu sagen. Ich will dies ohne jede Voraussetzung tun, ohne theologische, ohne philosophische Schulung, und schließlich auch ohne irgend ein anderes Gebiet — sei es Soziologie oder Naturwissenschaften, die beiden Pole unserer Zeit — näher heranzuziehen, sondern einzig und allein als junger Mensch, als Altersgenosse des Fragestellers, und es soll keine Antwort sein, sondern vielleicht der Weg zu einer Antwort, und wenn vielleicht auch dieses nicht einmal, so doch der Versuch eines jungen Menschen, diesen Weg zu gehen, ihn zu zeigen oder anzudeuten. Ich muß weit ausholen; nichts von Gott vorerst, nichts von Religion. Sondern — vom „Geist der Zeit". Ein Schlag» wort wohl,. aber ein richtiges, eins, das allgemein anerkannt wird, und das will viel sagen in unserer Zeit der Gegensätze. Wir stehen am Ende — und am Anfang. Nicht nur wir hier in Deutschland, sondern wir alle, wir Menschen. Der Weltkrieg war der letzte Aufzug eines gewaltigen Schau-