Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 6 (Juni 1921)
- Date
- 1921-06-01
- Page
- Seite 114 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Weil innere Kraft fehlt, dem eigenen Leben Sinn und Beldeutung zu verleihen, sucht man irgend etwas Festes außen, woran man sich halten könnte. So liegt es nahe, solche Stütze in der Nation zu finden, da uns ja doch von Kindheit an eingeprägt wurde, daß wir-dem Vaterlande dienen, den v Nutzen des Vaterlandes höher als den eigenen stellen sollen. (Auf den soziologischen Unterschied der Begriffe Nation und Vaterland kommt es in diesem Zusammenhang nicht an.) Es sind also sehr verschiedene Ideale, die an die Stelle der Religion gesetzt werden und es ist kein Zufall, daß gerade bei den Anhängern der naturwissenschaftlichen Weltanschauung der Gegensatz von nationaler und internationaler Gesinnung in der Praxis sich sehr leicht verwischt. Den deutlichsten Beweis haben wir im Kriege gesehen. Diejenigen, die als Bannerträger moderner und fortschrittlicher Gesinnung dais Ideal der Völkerversöhnung gefeiert haben, waren zuerst geneigt, es zu verraten. Gewiß, auch die Kirche hat sich vielfach in den Dienst der jeweiligen Gewalthaber gestellt, wie das ja auch bei der engen Verbindung von Staat und Kirche gar nicht anders der Fall sein konnte. Aber dieser Umstand kann an der Tatsache nichts ändern, daß uns der Krieg vollkommen offenbart hat, wie oft gerade der mo» derne, rein naturwissenschaftlich orientierte Mensch hemmungslos bereit ist, sein Ideal einer Suggestion von außen preiszugeben und zu verraten. Alles in allem, — ich stelle den Pazifismus entschieden sehr hoch, aber ich bin nicht der Meinung, daß der pazifistische Gedanke (das heißt: der einfache Gedanke der Völkerversöhnung) rein soziologisch begründet, irgendwie etwas der Religion Gleichwertiges darstellen kann. Ich bin im Gegenteil der Meinung, daß solcher Pazifismus schwächlich fundiert ist und daß es weiter eine gewisse Verengung des geistigen Blickfeldes bedeutet, wenn man (wie es anscheinend Nothmann will) schon den sozialen Pazifismus als solchen (also den Gedanken eines friedlichen Zusammenlebens der Völker) zu einer Religion oder doch in den Rang einer Lebens- oder gar einer Weltanschauung er* heben will. Es ist hier mit dem Pazifismus nicht anders als mit dem Sozialismus. Natürlich kann das Bekenntnis zum Sozialismus sich als Folge aus dem religiösen Gedanken und Gefühlskreise einer Persönlichkeit ergeben: wir haben ja jetzt auch in Deutschland einen Bund religiöser Sozialisten, und insbesondere in der Schweiz und in England hat die Sozialdemokratie von christlich-theologischer Seite bedeutsame Förderung erhalten. Etwas anderes aber ist es, aus einer religiösen Gesinnung heraus eine bestimmte Änderung der gegenwärtigen GeseHschafts- und Wirtschaftsordnung zu