Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 6 (Juni 1921)
- Date
- 1921-06-01
- Page
- Seite 113 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- 113 — und sittlich tieferen Menschen erblickt, welche nur durch die Hoffnung auf himmlische Freuden und durch die Furcht vor Höllenstrafen in Zaum gehalten werden können. Für den Gebildeten aber treten an Stelle der Religion dann allgemeine Ideale gewissermaßen als „Religionsersatz", so insbesondere der von Nothm'ann hervorgehobene kosmopolitische Gedanke. Nun wird niemand, der meine Tätigkeit in der Friedensbewegung kennt, behaupten, daß ich den Gedanken der Völkerversöhnung geringschätze. Nur das bestreite ich aller» dings, daß dieser Gedanke irgendeinen Ersatz für religiöses Leben und Erleben darstellen könne, daß man ihn etwa selbst schon als Religion stabilieren dürfte. Hier nämlich zeigt sich der Hauptirrtum aller derjenigen durchaus achtenswerten Menschen, denen religiöses Empfinden fernsteht, und die nun irgend etwas anderes Gleichwertiges an die Stelle der Religion setzen wollen, um dadurch ihrem Leben Wert und Sinn zu geben. Auch der Sozialismus hat ja vielfach in den breiten Massen des Volkes die Rolle der Religion angenommen. Zumial vor 1918 bedeutete der Glaube an den Zukunjftsstaat für breite Arbeitermassen gewissermaßen eine „Religion". Es war die Empfindung, die vielleicht den schönsten, poetischsten Ausdruck durch Heinrich Heine gefunden hat: Ein neues Lied, ein besseres Lied, O Freunde, will ich Euch dichten. Wir wollen uns auf Erden schon Das Himmelreich errichten. Wir wollen auf Erden glücklich sein, Und wollen nicht mehr darben. Verschlemmen soll nicht der faule Bauch, Was fleißige Hände erwarben ... Ein neues Lied, ein besseres Lied, Es klingt wie Flöten, Geigen, Das Miserere ist vorbei — Die Sterbeglocken schweigen!" Dies Himmelreich auf Erden wurde dlann in der denkbar plattesten Weise — etwa in dem Sinne eines behaglichen Kleinbürgerlebens aufgefaßt. Hatte Lassalle als Grundverderb, wogegen er ankämpfte, die „verdammte Bedürfnislosig» keit der Mjaisse" angesehen, so war das, was seine Jünger für die M(asse erstrebten, auch wieder nichts anderes als „ein erbärmliches Behagen". Und ist nicht, möchte ich einmal fragen, der Nationalismus genau so wie der Kosmopolitismus bei vielen nur ein solcher „Religionsersatz"?