Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 6 (Juni 1921)
- Date
- 1921-06-01
- Page
- Seite 112 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 112 — Feigheit betrachten, insofern, als — nehmen wir ein praktisches, drastisches Beispiel an — ein Ertrinkender in seiner letzten Not ein Gebet spricht, durch welches er vielleicht errettet zu werden glaubt. Ich kann dann dem Gebet (der Religion) nur als Erziehungsproblem seine Daseinsberechtigung geben. Wie m(an einem Kinde mit Strafe droht, so auch Erwachsenen, ins Leben getretenen, indem man ihnen etwas entgegen hält, vor dem sie sich zu verantworten haben über ihr Tun und Lassen. Dies haben nur die nötig, die nicht selbst soviel innere sittliche Kraft haben, Gut und Böse zu scheiden." So kommt Nothmann dazu, den Gottesgedanken als überflüssig zu streichen, und es ist nur logisch, wenn Nothmann eine Zeit als ideal ansieht, in der die Menschen ohne Religion leben. „Es könnte die Zeit sein, in der alle Manschen so weit sind, daß sie sich selbst Gott sind, d. h. sie brauchen keine Religion, dann gibt es auch keine sonstigen Gemeinschaften, dann gibt es eben nur Menschen, Brüder. Sie sagen, sehr verehrter Herr Doktor, man solle Glauben, Ideale haben. Nehmen wir z. B. an, ich hätte das eben Erwähnte, kosmopolitische. Ist das kein Glaube, ist das kein Ideal? Diesen Glauben, dieses Ideal kann aber auch jeder andere Mensch haben, dazu braucht er nicht Jude zu sein. Und deswegen bitte ich Sie, gerade Sie als Theologen und als Jugendkämpfer, mir obige Fragen zu beantworten, zu erklären. Ich hoffe, daß ich hierdurch einige Anregungen auch für andere zu einer Erwiderung auf diesem Wege gegeben habe; denn es ist wahrlich besser, Mitkämpfer zu haben, die mit ihrem ganzen jugendlichen Feuer für eine Idee arbeiten, als nur Maschinen, dann lieber untergehen." Ich habe diese Ausführungen hier nochmals ausführlich wiedergegeben, weil sie in der Tat charakteristisch sind für das Denken sehr vieler, ja, man kann sogar sagen der Mehrheit der deutschen Juden. Es fehlt nicht nur jedes persönliche religiöse Empfinden, sondern auch alles Verständnis dafür, was Religion überhaupt bedeutet. Charakteristisch ist, daß als- Ideal eine Zeit ersehnt wird, „in der alle Menschen soweit sind, daß sie keine Religion brauchen/' Religion zu haben wird also als schwächlich und als Notbehelf empfunden und nicht als Zeichen eines reicheren, freieren und stärkeren Lebens. Das ist dieselbe Achtung und Mißachtung der Religion, die etwa in dem berühmten Wort zum Ausdruck kommt: „Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben." Also eine Auffassung, die in der Religion eine Angelegenheit der geistig