Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 6 (Juni 1921)
- Date
- 1921-06-01
- Page
- Seite 110 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 110 — fort bedroht ist, imknerfort auf dem Spiele steht, immerfort neu zu sichern und neu zu begründen. Das ist die Wurzel und der Kern allen Gebetes, nicht das Um-Hüfe-Flehen. Wenn sich in das Gebet dann auch Bitte mischt, so ist sie gleichfalls hervorgewachsen aus dem Bedürfnis, in der eigenen Seele zur Einheit, zur Ruhe zu kommen, Aussprache erleichtert; dann aber muß man wissen, daß auch im Gebet jene Parädoxie zu Tage tritt, bei der das Rationale dem Irrationalen gegenübersteht. Man weiß mit seinem Verstand, daß das Eingreifen Gottes von unserem Wunsch unabhängig ist, und1 doch drängt den religiös empfindenden Menschen ein in ihm Verborgenes, Unerklärbares dazu, seine Seele und seinen Wunsch vor Gott auszusprechen; etwas, was man nicht beweisen und lehren kann, was der religiöse Mensch erfühlt und der Gleichgestimmte sofort nachfühlt, ohne daß es des Wortes bedarf. Ich fürchte, der Fragesteller und mit ihm so mancher andere wird sagen: von all dem Ausgeführten bin ich nicht weiter gebracht worden, ich will doch, daß mir jemand hilft zu erkennen, wie ich Gott verstehen kann, wie ich ihn mir denken und vorstellen soll, wie und warum ich beten kann. Darauf, meine ich, kann man nun eben nicht anders erwidern, als wie ich es hier versuchte, daß man die irrigen Voraus* Setzungen aus dem Wege räumt und dann den Menschen weiter ringen und kämpfen läßt, das ist wohl die beste Hilfe, die man darbringen kann, und in dem Suchen nach Gott ist ja das ganze Leben, auch für den, der in einem glücklichen Augenblick seinen Gott schon hat und fühlt und um ihn weiß, ein ewig sich erneuerndes Kämpfen und Suchen und Ringen. Ihn lehren vermag man nicht, man kann nur von ihm Zeugnis ablegen und künden, was man selbst im, Innersten fühlt. So war ja auch der Weg der Propheten und Psalmisten, sie lehrten nicht Gott erkennen, sondern sie gaben Kunde von dem, was in ihrer Brust lebte, sie sprachen aus, was sie im Tiefsten bewegte und erschütterte, in der Überzeugung, daß es den Hörer auf den Weg gleichen Fühlens ziehen müsse. Und ohne daß irgendeiner von uns mit Propheten oder Psalmisten sich vergleichen wollte oder dürfte, möchte ich diesen Weg beschreiten und im Sinne vieler einfach aussprechen, was auch in der Seele eines in modernster Wissenschaft Aufgewachsenen zu leben vermag. Es lebt das feste Bewußtsein, daß diese Welt nie aus sich selbst zu erklären ist, daß in der Welt ein Geist waltet, der alles geschaffen und in die Schöpfung die Kraft ewiger Verwandlung und Entwicklung gelegt hat, der dem Leben der Menschheit Ziel und Zukunft setzt, der aller Sittlichkeit Schöpfer und Vorbild ist. Ohne ihn hätte das Leben weder Wert noch Sinn, an ihm ordnen sich die Wertsetzungen des Menschen, und ordnen sie sich nicht an