Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 6 (Juni 1921)
- Date
- 1921-06-01
- Page
- Seite 109 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 109 — wissenschaftlichen Fortschritte unserer Zeit haben mit dem Gottesbegriff nichts zu tun, sie sind eine Welt für sich und können unser Bewußtsein von Gott, sobald es in uns lebt, nicht erschüttern. Ein zweites: Kurt Nothmann fragt: „Was ist Gott? Was soll ich mir unter Gott vorstellen? An etwas, was ich nicht verstehe, kann ich nicht glauben." Liegt nicht auch hier ein Irrtum des Denkens vor? Ist das nicht eine rein rationale, eine zu vernunftgemäße Auffassung des ganzen Problems? Gott ist weder vorzustellen noch logisch zu erfassen; es ist das ja eine der Großtaten Kants, daß wir seit ihm wissen, daß all dies sich der Sphäre des logischen Beweises entzieht, sowohl das Sein als auch das Nichtsein. Gott sich vorsteilen können hieße ja schon, ihm Körperliches anheften, man kann von Gottes Tat und seinem Wege reden und davon sich Vorstellung machen, aber nie Gott selbst. Er ist nur zu verstehen aus dem, was in meinem Herzen an Sehnsucht nach ihmi lebt, und aus dem, wie mein Herz mir die Erscheinungen der Welt und der Geschichte, die Kräfte der Welt und der Menschenseele als sein Werk erzeigt. Erst wenn mein Herz mir ihn gezeigt hat, kann ich den logisch ordnenden Verstand walten lassen, um aus dem Ineinanderfließen von Gefühl und Verstand ein harmonisches Bild erstehen zu lassen. Gott ist schon deshalb nicht logisch zu erfassen, weil sich auch im Bilde von ihm ein Rationales und Irrationales mischt, weil, wie Rabbiner Baeck es neulich an anderer Stelle treffend ausführte, es das Eigentümliche des Judentums ist, die Einheit aus dem Gegensatz und der Spannung des Rationalen mit dem Irrationalen hervorkommen zu lassen, im) jüdischen Bilde von ihm ist zugleich die Gottesidee und der persönliche Gott. Und nun zu dritt die Frage des Gebetes. Kurt Nothmann sagt: „Beten kann ich nur zu etwas Höherem, von dem ich mir eine Vorstellung machen kann." Ist nicht auch bei der Auffassung des Gebetes ein anderer Weg einzuschlagen? Man muß davon ausgehen, daß Gebet in der jüdischen Auffassung nicht mit bitten identisch ist, daß tefillah, hithpellel heißt: mit sich ins' Gericht gehen. Das Gebet wächst heraus aus dem in der religiös gestimmten Seele vorhandenen Bedürfnis, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, die Spannungen der eigenen Seele zu lösen, — sie können kommen, woher sie wollen, aus Sorge, aus gestörtem Gewissen, aus Zweifel über den rechten Gang der Welt, aus dem Gefühl der Ohnmacht, woher nur immer —, zu einer inneren Einheit zu kommen. Es ist, wie Hermann Cohen es in seinem letzten Buche treffend nennt, das sprachliche Mittel, die Einigung des Bewußtseins, die Einigung des Herzens, die immer-