Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 6 (Juni 1921)
- Date
- 1921-06-01
- Page
- Seite 108 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 108 — solche Fragen stellt und den Wunsch hat, sie beantwortet zu sehen, wissen, daß sie ihm ein anderer niemals restlos beantworten kann; was ein anderer tun kann, ist höchstens das, daß er ihm Aufschluß geben kann über das, was in seiner Seele lebt, wie e r Gott empfindet, von Gott kann einer den anderen nicht lehren, man kann nur Zeugnis von ihm ablegen; was ein anderer, der Rabbiner, tun kann, ist höchstens das, daß er da, wo der Fragesteller von falschen Voraussetzungen ausgeht, wo er — nach seiner Uberzeugung — auf einem falschen Denkwege ist, ihm sagt und zeigt, worin das Irrige des Denkens und also auch der Fragestellung liegt. Kurt Nothmann beginnt seinen Brief mit der Annahme, die er selbst bei dem Rabbiner als gegeben voraussetzt, daß der Mensch „infolge der wissenschaftlichen Fortschritte unserer Zeit nicht mehr skrupellos an den überlieferten Gottesbegriff glauben könne". Ist das so gegeben? Hier liegt ein Irrtum vor, diese Voraussetzung ist nicht da. Inwiefern sollte die moderne Wissenschaft den überlieferten Gottesbegriff unmöglich gemiacht haben? Der überlieferte Gottesbegriff besteht darin, daß gesagt wird, über dem Irdischen waltet ein Wesen, das nur als Geist zu denken ist und das Inbegriff aller sittlichen Vollkommenheit ist. Es ist nicht einzusehen, wieso die Wissenschaft den Glauben daran aufgelöst haben sollte. Die Wissenschaft sucht ihre Aufgabe darin, das, was mit den Methoden sinnlicher und logischer Erfahrung zu erforschen ist, zu erklären und zu deuten, sie kann die Kräfte der Welt erforschen und alles Gewordene auf seinen augenblicklichen Zustand und auf seinen Werdegang hin durchforschen, aber sie kann nur Tatsachen schildern, auf die letzten Fragen kann sie keine Antwort, darf und will sie keine geben, und wo sie es zu tun sich unterfängt, überschreitet sie bewußt ihren Aufgabenkreis, stellt sie Behauptungen auf, die ebenso subjektiv sind und ebenso auf Glauben beruhen wie alle Aussagen der Religion und der religiösen Genies über Gott. Und nun gar nicht erst zu reden von all dem Vagen und Fließenden, das in der wissenschaftlichen Erkenntnis mitschwingt, wir erleben es ja eben wieder einmal, wie wenig man das Recht hat, von gesicherten Ergebnissen der Wissenschaft auch im Physikalischen und der Ausdeutung des Weltbildes zu reden. Seinen Glauben an Gott von den wissenschaftlichen Fortschritten abhängig machen heißt, Gott rein unter der Denkform der Kausalität als Schöpfer ansehen, aber zu ihm drängt viel mehr als nur der Wunsch nach Erklärung der Welt und ihrer Entstehung, zu ihm drängt die von aller Kausalität unabhängige Erklärung der Schöpfung der Sittlichkeit, drängt das Unkontrollierbare und Unerklärbare der Sehnsucht. Der Punkt muß also zuerst festgehalten werden, die