Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-Liberaler Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 5 (Mai 1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 99 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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— 99 - sich um die Gestalt des bayrischen Prinzen gelegt hatte, aufzuhellen. Seinen Zweck aber, als deutscher Jude angesehen und behandelt zu werden, hat er auch mit diesem Werke nicht erreicht. Imimer sieht man in ihm nur den Juden; sein Deutschtum will man nicht gelten lassen. Und als ein rein deutsches Denkmal darf sein nächster Roman „Das Gänsemännchen" gewertet werden, in dem er in seinem Daniel Notthaft etwas ganz Neues zu schaffen versuchte, den Juden- Christen, den Deutschen, der vermöge seiner Abstammung jüdische Eigenschaften besitzt. Dieses Werk hat denn auch bei den Gebildeten aller Stände, einerlei ob Jude oder Christ, großen Beifall gefunden, und den Dichter zu seiner heutigen Berühmtheit verholfen. Auf dem Höhepunkt des Ruhmes angelangt, hat er noch einmal mit einem christlichen Freunde eine Unterredung über das Judentum,; als er von diesem gefragt wird, ob er überzeugter Jude sei, antwortet er, er sei Jude und damit sei alles für ihn gesagt. Der Freund meint nun, Wassermann habe vielleicht sein Judentum verlassen; aber der Dichter entgegnet ihm hierauf, daß für ihn ein Nebeneinander zwischen Jude und Deutscher sehr wohl möglich sei. Er stehe mit dieser Anschauung nicht etwa ver» einzelt da, wie sein Freund vielleicht annehme, sondern viele hervorragende Männer seien seiner Ansicht. Auch mit dem Zionismus, der damals in Wien, wo er die größte Zeit seines Lebens verbrachte, aufkam, kommt er in Berührung; ja mit dem Schöpfer dieser Idee wird er bekannt. Er kann jedoch keine rechte Zuneigung zu ihm fassen, weder als Mensch noch als Schriftsteller sagt er ihm zu. Auch mit der Bewegung selbst kann er sich nicht befreunden; er sieht in ihr lediglich ein wirtschaftlich-philanthropes Unternehmen. Wie er einmal einem Jüdisch-Nationalen gegenüber äußert, er« blickt er den Unterschied darin, daß er deutscher Jude, der Zionist dagegen jüdischer Jude ist. Bei den Juden, namentlich bei den jüdischen Frauen und Mädchen, die er als den edelsten und verheißensten Teil des Judentums bezeichnet und zu deren Lob er die schönsten Lieder zu singen weiß, findet er die meisten Anhänger; nach seiner Meinung müsse "es der überwiegenden Miehrzahl der nichtjüdischen Dichter und Künstler auch so ergehen. Denn sie sind die Träger des Ruhms; bei ihnen gibt es keine Überhebung eines über den' anderen, sondern sie sind im!mer und ewig von dem Gedanken beseelt, daß vor Gott alle Menschen gleich sind. Allerdings muß auch er anerkennen, daß Juden selten schöpferische Gabe verliehen ist; ihnen fehlt das gestaltenbildende Element, aber die Sehnsucht nach dem Schöpferischen wurzelt tief in ihnen. Auch mit dem Antisemitismus, der in den siebziger und